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Schon jetzt ein Erfolg für die Klimabewegung – und es muss weitergehen

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Von: Friederike Meier

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Räumung von Lützerath
Lützerath am 11. Januar 2023: Die Bilder von Menschen, die versuchen, in einem dem Untergang geweihten Dorf ein alternatives Leben aufzubauen, erreichen viele Menschen auf der ganzen Welt. © Federico Gambarini/dpa

Der Konflikt um Lützerath stärkt die Klimabewegung und mahnt die Politik, das Wissen über die Klimakrise endlich in Taten umzusetzen. Der Leitartikel.

Die „Pacific Climate Warriors“ sind eine Gruppe von Klima-Aktivist:innen aus Inselstaaten im Pazifik. Anlässlich der Klimakonferenz, die 2017 in Bonn stattfand, besuchten einige von ihnen den Tagebau Hambach im Rheinland, nicht weit vom jetzt umkämpften Tagebau Garzweiler II. Angesichts des unfassbar großen Lochs in der Erde mussten einige weinen. „In diesen Tagebau passen mehrere Atolle.“ Und: „Das ist der Grund, warum unsere Inseln untergehen“, waren ihre Reaktionen.

Sie haben recht. Der Weltklimarat schreibt, dass viele kleine Inseln auch bei einem Anstieg der Temperatur um 1,5 Grad nur noch eingeschränkt bewohnbar sein werden. Wenn die Klimapolitik sich nicht ändert, prognostizieren die Forschenden sogar, dass einige Atolle im Pazifik von den 2060ern an einmal im Jahr komplett überflutet werden könnten.

Wenn wir so weitermachen wie bisher, dauert es rein rechnerisch noch sechs Jahre und sechs Monate, bis die Menschheit, vor allem die reichen Länder, so viel fossile Rohstoffe verbrannt haben, dass sich die Welt um durchschnittlich 1,5 Grad erwärmt. Bis wir die Zwei-Grad-Grenze reißen, dauert es beim aktuellen Tempo noch gut 24 Jahre.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kommt zu dem Ergebnis, dass der deutsche Beitrag zum 1,5-Grad-Limit gefährdet ist, wenn die Kohle unter dem Dorf Lützerath noch verbrannt wird. Das könnte nun passieren.

Aber egal, wie lang sich die Aktivist:innen in Lützerath noch halten können: Die Besetzung ist jetzt schon ein Erfolg für die Klimabewegung. Die Bilder von Menschen, die versuchen, in einem dem Untergang geweihten Dorf ein alternatives Leben aufzubauen, erreichen viele Menschen auf der ganzen Welt. Zahlreiche Journalist:innen aus dem Ausland waren vor Ort und berichteten.

Wer die „Letzte Generation“ dafür kritisiert hat, dass ihre Proteste die Falschen träfen, muss jetzt zugeben, dass hier die Richtigen blockiert wurden: Ein Konzern, der klimaschädliche Kohle verfeuert, und Politiker:innen, die Prioritäten setzen, als gäbe es keine Klimakrise. Die Besetzung hat den Blick darauf gelenkt, dass trotz grüner Beteiligung im Bund und in vielen Bundesländern noch keine ausreichende Klimapolitik gemacht wird.

Die Klimabewegung wird, mit neuem Mut aus Lützerath, weiterhin gegen Projekte protestieren, die für Emissionen sorgen, die es nicht mehr geben darf. Je größer die Diskrepanz zwischen den bereits spürbaren, schon heute tödlichen Folgen des Klimawandels und den politischen Entscheidungen, desto verzweifelter dürften die Proteste werden. In Lützerath und anderswo verbietet sich Gewalt gegen Menschen. Für friedliche Proteste dürfte es auch mehr Verständnis in der Mehrheitsgesellschaft geben. Trotzdem hat die Vergangenheit gezeigt, dass es ohne Grenzüberschreitungen - ob Schülerstreiks oder friedliche Blockaden - nicht genug Aufmerksamkeit gibt.

Die Aktivistinnen und Aktivisten weisen die Politik, aber auch jeden und jede Einzelne von uns auf etwas hin: Wenn wir unser gesamtes Gesellschafts- und Wirtschaftssystem umstellen wollen, liegt es in der Natur der Sache, dass wir Wege, die wir eingeschlagen haben, revidieren müssen. Es geht in diesem Konflikt darum, das, was wir theoretisch über die Klimakrise wissen, endlich in Handeln umzusetzen. Und zwar auch gegen Widerstände, die es jetzt schon gibt und weiter geben wird. Das betrifft nicht nur die Kohle, sondern viele andere fossile Projekte. Zum Beispiel den Bundesverkehrswegeplan: In ihm ist festgeschrieben, dass bis 2030 noch 850 Kilometer Autobahn gebaut werden sollen. Das Netz von Fernstraßen ist allerdings in Deutschland schon sehr gut ausgebaut - Hunderte Kilometer neue Autobahnen widersprechen dem Klimaschutz.

Wer es mit dem Kimaschutz ernst meint, muss nicht nur die Erneuerbaren ausbauen, sondern auch Genehmigungen für fossile Projekte wie Straßen oder Kohletagebaue wiederrufen. Oder, im Fall der Flüssiggas-Terminals, ihre Nutzungsdauer begrenzen.

Diese Projekte der fossilen Vergangenheit mögen im Einzelfall vielleicht klein aussehen – etwa für den NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), der sagte, dass Lützerath noch nicht einmal ein Dorf sei. Auch der Hambacher Forst ist nur ein Wald, genau wie der Fechenheimer Wald in Frankfurt. Der Weltklimarat schreibt, dass jedes Zehntelgrad zählt. Deshalb zählt auch jede Tonne Kohle, die nicht verbrannt wird, und jedes Stück Wald, das nicht gerodet wird.

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