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Erdogan scheut die Eskalation nicht. Im Gegenteil. Er sucht und verschärft sie.

Leitartikel

Erdogan, ein Macho im Krieg

  • Marina Kormbaki
    vonMarina Kormbaki
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Die Türkei mischt in allen möglichen Kriegen und Krisen mit. Offenbar leidet Präsident Erdogan unter einer akuten Selbstüberschätzung.

Noch ehe der von Kanzlerin Angela Merkel vermittelte Dialog zwischen der Türkei und Griechenland in Gang kommen konnte, übt sich die türkische Regierung erneut in Provokation. Auf ihr Geheiß verließ am Montagmorgen das Forschungsschiff „Oruc Reis“ den Hafen von Antalya, um nach Erdgasfeldern südlich der griechischen Insel Kastelorizo zu suchen.

„Und wenn es da Gasvorkommen gibt, werden wir sie ganz sicher finden“, gab Energieminister Dönmez dem Schiff mit auf den Weg. Das ist der Ton einer politischen Führung, die kaum noch etwas auf Diplomatie gibt. Präsident Erdogan scheut die Eskalation nicht. Im Gegenteil. Er sucht und verschärft sie.

Der türkisch-griechisch-zypriotische Gasstreit ist nur einer von inzwischen irrwitzig vielen Konfliktherden mit unrühmlicher türkischer Beteiligung. Von Nordafrika über Nahost bis hin zum Kaukasus tritt die Türkei als zunehmend offensive Regionalmacht in Erscheinung.

In Libyen hat Ankara den Bürgerkrieg zugunsten der Zentralregierung in Tripolis wenden können. In Syrien und im Irak gehen türkische Truppen mit lokalen Verbündeten massiv gegen Kurden vor. Im wieder aufgeflammten Konflikt im Kaukasus steht die Türkei Aserbaidschan im Kampf gegen Armenien offenbar nicht nur rhetorisch bei, sondern auch militärisch.

Ankara hätte seinen Einfluss in Baku geltend machen können, um die Auseinandersetzung mit Armenien zu entschärfen. Doch auch diesen Regionalkonflikt lässt Erdogan sich nicht entgehen, um den geopolitischen Einfluss der Türkei unter Beweis zu stellen.

Jeder Kriegs- und Krisenschauplatz, den die Türkei betritt, steigert ihr Ansehen in der Welt – dieses irrige Machokalkül leitet Erdogan. Unter seiner Führung nimmt die türkische Außenpolitik immer aggressivere Züge an.

Erklärungen für die neue Unverfrorenheit am Bosporus liefert die internationale Ordnung oder vielmehr: Unordnung. Früher genügte ein Anruf aus Washington, um die nationalistischen Eiferer in Ankara zur Räson zu bringen. US-Präsident Donald Trump aber interessiert sich nicht für die Probleme jenseits des Atlantiks. Oder, schlimmer noch, er heizt sie weiter an, indem er Erdogan zu neuen Abenteuern ermuntert.

Die EU muss der türkische Staatspräsident nicht fürchten. Zu ängstlich und gespalten sind die Europäer, als dass sie ihrem Anspruch genügen und als geopolitische Macht auftreten könnten. Der Westen hat ein Machtvakuum geschaffen, das die Türkei zu besetzen versucht. Dass sie dabei immer öfter Russland gegenübertritt, ist nicht erstaunlich. Ob in Libyen, Nahost oder im Kaukasus – auch Moskau strebt in die Leerstellen, die US-Amerikaner und Europäer hinterlassen.

Erdogan und seine Gefolgsleute wollen die gleichzeitige Konfrontation mit dem Westen und mit Russland als Ausweis stolzen Mutes verstanden wissen. Und tatsächlich verfängt ihre nationalistische Rhetorik bei etwa der Hälfte der Türkinnen und Türken, die von einem neo-osmanischen Reich träumen. Im Kern aber speist sich der türkische Vielfrontenkrieg aus Selbstüberschätzung und Strategielosigkeit.

Ja, das türkische Militär ist stark. Aber gewiss nicht stark genug, um von Tripolis bis Tiflis zu herrschen. Immer wieder neue Kehrtwenden wie jetzt im Gasstreit und wechselnde Allianzen wie in Syrien führen die Konzept- und Ideenlosigkeit der türkischen Außenpolitik vor Augen. Ihr eigentliches Ziel ist denn auch die eigene Bevölkerung. Die Türkinnen und Türken leiden unter einer schweren Wirtschaftskrise. Allein in den zurückliegenden zwölf Monaten hat die Landeswährung Lira im Vergleich zum Euro etwa die Hälfte ihres Wertes verloren.

Ihr Niedergang stellt die größte Gefahr für Erdogan dar. Schließlich trat er vor zwei Jahrzehnten mit dem Versprechen eines türkischen Wirtschaftswunders an und löste dies zwischenzeitlich auch ein. Doch Misswirtschaft und Repression lähmen seit Jahren die türkische Wirtschaft, nun kommt Corona hinzu.

Fantasien von nationaler Größe und unverhofftem Erdgas-Reichtum sollen die Sorgen der Bevölkerung betäuben. Das Beschwören einer permanenten Kriegsgefahr soll ablenken von Alltagsnöten und eine Gesellschaft einen, die zutiefst gespalten ist. Es soll die autoritäre Führung Erdogans rechtfertigen. Dabei dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die Türkei wieder auf finanzielle Hilfe von außen angewiesen sein wird.

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