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Das Biontech-Gründerpaar Ugur Sahin und Özlem Türeci: Vorzeige-Migrant:innen?
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Das Biontech-Gründerpaar Ugur Sahin und Özlem Türeci: Vorzeige-Migrant:innen?

Leitartikel

Nicht nur das Biontech-Gründerpaar zeigt: Einwanderung birgt Chancen!

  • Ursula Rüssmann
    vonUrsula Rüssmann
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Einwanderung tut Deutschland gut. Doch die Debatte zum Thema wimmelt von negativen Stereotypen, die die Integration von Menschen mit nichtdeutschen Wurzeln behindern.

  • Einwanderung birgt viele Chancen für unsere Gesellschaft.
  • Doch es ist Vorsicht geboten: Eingewanderte sollten nicht nur nach ihrem „Nutzen“ bewertet werden.
  • Sicher ist, dass Einwanderung nicht unsere politische Ordnung gefährdet.

Frankfurt/Mainz – Wir alle kennen inzwischen welche: Menschen, deren familiäre Wurzeln im Ausland liegen und denen jetzt das Etikett „Vorzeige-Migrant:in“ anhaftet. Das Biontech-Gründerpaar Ugur Sahin und Özlem Türeci gehört dazu, Cem Özdemir von den Grünen, Schriftsteller wie Navid Kermani, Profifußballer, Künstler:innen. Vielen wird jetzt durch den Kopf schießen, dass das ja keine richtigen „Migrant:innen“ sind, schließlich sind sie perfekt angepasst. Andere werden denken: Aha, geht doch, warum schaffen das nicht mehr von denen?

Einwanderung sollte nicht nur nach „Nutzen“ bewertet werden

Das sind gängige Reflexe, von denen wir uns verabschieden müssen. Menschen mit nichtdeutschen Wurzeln nach ihrem „Nutzen“ zu bewerten, ist gefährlich, denn was ist „nützlich“? Vor allem: Wer entscheidet darüber? Und was für eine Anpassung soll das sein – an eine Art „deutsche Leitkultur“? Die ist als monolithisches Wertesystem reine Fiktion.

Der Tag der Migration ist ein guter Anlass, verbreitetes Schwarz-Weiß-Denken zurechtzurücken. Niemand zweifelt mehr seriös an, dass wir Migration brauchen, aus demografischen Gründen. Viel wichtiger ist: Wir alle – die hier Verwurzelten und die Dazugekommenen – profitieren seit langem davon. Wir profitieren gerade von der unübersichtlichen Vielfalt der Lebensentwürfe und -haltungen, der Erfahrungen und Kompetenzen, und wir profitieren auch von den Reibungen. Das heißt nicht, dass wir alles tolerieren müssen, schon gar nicht, wenn Freiheitsrechte und Gleichberechtigung missachtet werden – aber das gilt auch gegenüber hausgemachtem Rechtsterror und radikalisierten Pandemieleugner:innen. Es geht auch nicht darum, die Grenzen für alle zu öffnen, aber sie müssen durchlässiger werden. Auch die in unseren Köpfen.

Wie gehen wir mit Reibung durch Einwanderung um?

Sicher ist manchen dieses Bild der Einwanderungsgesellschaft zu pastellfarben. Und tatsächlich sind die Konflikte und Brüche erheblich, die sich in ihr abspielen. Die Reibungen sind aber in ihrem Kern meist soziale. Die Frage ist: Wie gehen wir mit ihnen um?

Jedenfalls nicht so, wie die Unions-Innenminister es jüngst demonstriert haben. Indem sie die tödliche Messerattacke in Dresden durch einen jungen Syrer zum finalen Anlass nahmen, den Abschiebestopp nach Syrien aufzuheben, haben sie einen populistischen Coup gelandet und den Einzelfall missbraucht. Denn der als 15-Jähriger allein gekommene junge Mann hat sich erst in Deutschland radikalisiert. Zu lesen ist von Heimweh, vielleicht zu hohen Erwartungen der Familie zu Hause, bevor er 2017 Kontakte zu Islamisten im Internet knüpfte.

Das ist eine katastrophal schiefgelaufene Flucht, und eine, die wohl auch hinweist auf die unzureichenden Ressourcen der Einrichtungen, die junge Geflüchtete betreuen sollen. Man sollte daraus folgern, dass die Aufnahmestrukturen verbessert werden müssen. Stattdessen werden durch die pauschal verschärfte Abschiebeandrohung alle syrischen Geflüchteten in Mithaftung genommen und als eine irgendwie vielleicht gefährliche Gruppe etikettiert. Ähnliche Stigmatisierungen passieren immer wieder, wenn pauschal von „Russen“, „Romabanden“ oder „arabischer Clankriminalität“ die Rede ist. Dagegen käme doch niemand auf die Idee, in der Wirecard-Affäre (bei der es übrigens auch um „Bandenbetrug“ geht) die Herkunft eines der Hauptverdächtigen, des Österreichers Jan Marsalek, ins Spiel zu bringen und daraus Konsequenzen für alle Österreicher:innen abzuleiten.

Stereotype über Einwanderung grenzen aus

Es wimmelt in der öffentlichen Debatte nur so von negativen Stereotypen, die ausgrenzen und Integration behindern. Am häufigsten richten sie sich gegen Geflüchtete und Menschen, denen ein muslimischer Hintergrund zugeschrieben wird. Dabei gibt es jede Menge Trends, die Stoff für positive Erzählungen von Migration und ihren Potenzialen liefern.

Viel zu selten sprechen wir zum Beispiel davon, dass Menschen mit Migrationsgeschichte deutlich zufriedener mit unserer Demokratie sind als Menschen ohne ausländische Wurzeln. Die Angst, Einwanderung könnte unsere politische Ordnung gefährden, ist realitätsfern. Auch die, dass sie unser Sozialsystem überlastet: Vier von fünf Menschen nichtdeutscher Herkunft verdienen ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft – ein sehr hoher Wert. Dass er aber noch geringer ist als bei nicht Zugewanderten, liegt auch an den Schwächen unseres Schulsystems, das Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Milieus benachteiligt. Es liegt auch daran, dass mitgebrachte Schul- und Berufsabschlüsse immer noch zu selten anerkannt werden und viele deshalb unter ihrer Qualifikation arbeiten müssen.

„Vorzeige-Migrant:innen“ gibt es dennoch Hunderttausende, neben den Sahins und Boatengs. Sie kommen aus Thailand oder Polen und pflegen für wenig Geld unsere Alten und Kranken. Sie arbeiten in mehreren Jobs und ebnen ihren Kindern nachweislich den Weg in eine bessere Zukunft. Sie fordern, als selbstbewusste Muslimas, freie Berufswahl trotz Kopftuchs und mehr Mitsprache in der Moscheegemeinde. All diese Menschen verdienen mehr als das, was sie von Deutschland bekommen. Mehr Respekt, mehr Vertrauen, mehr Chancen. (Ursula Rüssmann)

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