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Dienst ohne Zwang: Freiwilliges Engagement fördern statt Pflichtdienst schaffen

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Von: Pitt von Bebenburg

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Sollte es einen Pflichtdienst in Deutschland geben?
Sollte es einen Pflichtdienst in Deutschland geben? © imago

Wir müssen Zusammenhalt in Deutschland anders herstellen als durch einen Pflichtdienst. Der Leitartikel.

Frankfurt – Viele Menschen in Deutschland sehnen sich nach Gemeinsinn und danach, etwas für andere zu tun. Und viele tun etwas, sie engagieren sich. Die meisten von ihnen erleben dabei genau das, was Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier allen jungen Menschen wünscht: „Man kommt raus aus der eigenen Blase, trifft ganz andere Menschen, hilft Bürgern in Notlagen. Das baut Vorurteile ab und stärkt den Gemeinsinn.“ So weit, so richtig und wichtig.

Doch der Schluss, den Steinmeier daraus zieht, ist falsch. Er plädiert für „eine soziale Pflichtzeit“, als sei dies der Weg, um „Verständnis für andere Lebensentwürfe und Meinungen“ zu wecken. Aber mit der Pflicht würden die Probleme anfangen. Das lässt sich aus Erfahrung sagen – denn Deutschland kennt die Dienstpflicht bestens. Öde Zeiten bei der Bundeswehr sind Legende, unsägliche Rituale, viel Suff inklusive. Verlorene Zeit. Das will sicher niemand zurück.

Pflichtdienst für Deutschland? Zwang könnte zu Frust und Abwendung führen

Und der Zivildienst? Viele ehemalige Zivis haben gute Erinnerungen an diese Zeit. Es stimmt: Eine sinnvolle Arbeit in einem Team mit Zusammenhalt kann sogar dann erfüllend sein, wenn sie miserabel bezahlt wird. Aber nicht immer ist sie das. Auch hier gab es Langeweile, Mobbing und vor allem: das Ausnutzen der schlecht entlohnten Pflegearbeit billiger Zivis. Soll es tatsächlich wieder einen Zwang geben, auch in solchen Verhältnissen durchzuhalten?

Ja, es gibt Menschen, die sinnvolle Beschäftigung und gesellschaftlichen Zusammenhalt auch bei schlechter Bezahlung zu schätzen wissen. Doch das darf kein Grund sein, allen diesen Weg vorzuschreiben, der bei manchen in Frust und Abwendung münden dürfte. Zu diesem vermeintlichen Glück sollte niemand gezwungen werden.

Pflichtdienst: Abschaffung war alternativlos

In den Unionsparteien ist die Dienstpflicht schon lange populär. Dort sitzt der Ärger nach wie vor tief über das Aussetzen der Wehrpflicht, das ausgerechnet von der eigenen Kanzlerin durchgesetzt wurde. Noch während die Wehrpflicht galt, drangen Unionspolitiker auf einen anderen Pflichtdienst.

Aber man sollte sich erinnern: Es gab keine Alternative dazu. Die Bundeswehr hatte kaum noch Nachfrage nach ahnungslosen Neulingen, die nur wenige Monate da blieben. Auch der Zivildienst verlor an Bedeutung, je kürzer er ausfiel. Vielerorts war er zum Lückenbüßer für Pflegekräfte geworden, an denen es mangelte und heute noch viel mehr mangelt.

Dienstpflicht: Notwendige Zweidrittelmehrheit ist politisch nicht erreichbar

Zu Recht werden die Probleme einer zunehmend egoistischen Gesellschaft beschrieben. Das ist ein Grund dafür, weshalb schon vor Jahren die Debatte über eine allgemeine Dienstpflicht einsetzte. Dass die Pflicht nicht kommen wird, steht politisch aber seit jeher fest – denn notwendig wäre eine Zweidrittelmehrheit. Die Grünen, die FDP und die Linken lehnen einen solchen Eingriff in die individuelle Freiheit der jungen Menschen jedoch ab.

Trotzdem lohnt es sich, über die eigentlichen Fragen nachzudenken, die sich hinter dem Schlagwort Dienstpflicht verbergen. Wir müssen Antworten finden, wie mehr Zusammenhalt zu schaffen ist, mit Motivation und Anreizen statt Zwang.

Ehrenamt in Deutschland: Zahl der engagierten Menschen deutlich gestiegen

Wie wäre es, wenn Ehrenamtliche und sozial Engagierte eine Bestätigung erhielten, die als zusätzlicher Pluspunkt auf dem Ausbildungs-, Studien- und Arbeitsmarkt anerkannt wäre? Warum wurde die Zahl der Plätze für die Freiwilligendienste nicht längst ausgedehnt, obwohl die Nachfrage größer ist als das Angebot? Wie wäre es auf der anderen Seite, wenn die Bedingungen für die Pflegeberufe so verbessert würden, dass der dortige Mangel nicht mit billigen Dienstleistenden gemildert werden müsste?

Bei all dem darf nicht untergehen, was unsere Gesellschaft auszeichnet und nach wie vor zusammenhält. Studien zeigen, dass die Zahl der Menschen im Ehrenamt enorm gestiegen ist. Sie unterstützen geflüchtete Menschen, sie betreuen alte und bedürftige Nachbar:innen, sie trainieren Jugendmannschaften, sie löschen Brände, sind Elternsprecher:innen, engagieren sich im Ortsbeirat, bei Amnesty International oder bei „Fridays for Future“. Junge Leute ziehen los als Freiwillige im sozialen Jahr oder im ökologischen Jahr.

Warum sollte sich der Staat anmaßen zu entscheiden, welche dieser Leistungen den Anforderungen an eine Dienstpflicht genügen und welche nicht? Es gibt nämlich auch die gute Seite der Individualisierung – Menschen, die aus eigenem Antrieb die Welt verbessern, im Großen wie im Kleinen. Sie müssen gestärkt werden, als Vorbilder gewürdigt und unterstützt. Das geht. Ganz ohne Dienstpflicht. (Pitt von Bebenburg)

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