Die Debatte über die Rückkehr von Fans in die Stadien hält weiter an. Foto: Federico Gambarini/dpa-Pool/dpa
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Die Debatte über die Rückkehr von Fans in die Stadien hält weiter an.

Fan-Rückkehr in die Stadien

Profifußball unter Druck: Der Unmut wächst

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Die Bundesliga bereitet die Rückkehr der Fans in die Stadien vor. Es ist nicht das einzige Problem des Profifußballs. Der Leitartikel.

Von heute an (05.08.2020) wird die durch die Corona-Pandemie zerrüttete Profifußballsaison abgewickelt. Bis zum Finale der Champions League am 23. August in Lissabon ruht nur an drei Tagen der Ball. The show must go on; wenn auch nur als Geisterspielbetrieb. Die europäischen Finalrunden werden allesamt ohne Zuschauer über die Bühne gehen. Superspreader-Spiele wie im März in Mailand zwischen Bergamo und Valencia oder Liverpool und Atlético Madrid, als sich Tausende infizierten, würden der jahrzehntelang auf exzessives Wachstum gepolten Branche böse zusetzen.

Weil es dazu auf gar keinen Fall noch einmal kommen darf, weil aber auch ein paar Trippelschritte zurück ins Fußballleben gewagt werden sollen, plant die deutsche Bundesliga, die neue Saison Mitte September zurückhaltend vorantastend vor kleiner Kulisse anzugehen. So klein womöglich, dass die paar tausend Fans im Stadion am Ende mehr Kosten verursachen, als sie an Eintrittsgeld dalassen. Es droht - analog zum Leben in Zeiten der Pandemie - eine Spielzeit mit Fragezeichen zu werden. Einen Vertrauensvorschuss bei Politik und Bevölkerung hat sich die vielkritisierte Bundesliga redlich erarbeitet: Der Probespielbetrieb mit dem Re-Start nach zweimonatiger Pause von Mitte Mai bis Anfang Juli funktionierte nahezu komplikationslos.

Druck auf den Profifußball steigt

Und doch ist der Druck auf den Profifußball wieder enorm. Gesundheitlich, weil die Fallzahlen steigen und niemand weiß, ob im spätherbstlichen Dauerspielbetrieb nicht wieder zugemacht werden muss. Gesellschaftlich, weil das Land genau hinschauen wird, wie diszipliniert Fans und Vereine den Weg in eine neue Normalität gehen.

Gedränge in den S-Bahnen, in der Halbzeitpause auf dem Klo und am Bier- und Bratwurststand gehörten in der Vergangenheit ebenso zur gelebten, geliebten Folklore wie ekstatischer Jubel Arm in Arm mit dem eigentlich fremden Steh- oder Sitznachbarn. Das Hygienekonzept ist ergo viel, viel schwieriger umzusetzen und wird noch dazu unter dem medialen Brennglas viel sorgsamer überwacht als am Badesee oder in der Eisdiele.

Auch der finanzielle Druck ist immens, weil jedem Bundesligisten zweistellige Millioneneinnahmen zwischen 15 und 50 Millionen Euro wegbrechen. Viele Klubs expandieren gerade mit herauslugenden Stollenschuhen unter einer zunehmend kürzeren Kapitaldecke ihren Kreditrahmen bei den Hausbanken.

Corona macht Überkommerzialisierung des Spitzenfußballs einer breiten Masse bewusst

Die gewohnten Sommerferien-Überweisungen der Dauerkartenbesitzer bleiben aus, und mancher Manager fragt sich bang, ob der Vor-Corona-Boom in diesem Jahrzehnt je wieder erlebbar wird und sich in der leeren Kasse niederschlägt. Oder bleibt bei allzu vielen eine neue emotionale Distanz?

Eine Distanz, die gerade jetzt vielen Menschen umso unangenehmer spürbar geworden ist, da Corona die schon jahrelang herrschende Überkommerzialisierung des nationalen und europäischen Spitzenfußballs einer breiten Masse erst bewusst gemacht hat. Kleinere Vereine, die sich zuvor nicht getraut haben, ihren Unmut über einen nahezu unkontrollierten Wettbewerb zum Wohle der Branchenriesen lautstark und selbstbewusst zu formulieren, wagen sich inzwischen aus der Deckung. Fanorganisationen unterstützen sie dabei. Wie viel Kraft entwickelt nun dieser Zwergenaufstand? Noch so ein Fragezeichen.

Allen Beteiligten ist klar: Zu viel an Spannung hat der Turbokapitalismus schon zerstört. Gab es zwischen 1990 und 1995 ebenso noch fünf unterschiedliche Meister (Kaiserslautern, Stuttgart, Bremen, Bayern, Dortmund) wie zwischen 2004 und 2011 (Bremen, Bayern, Stuttgart, Wolfsburg, Dortmund), so ist es seit acht Spieljahren nur noch der FC Bayern. Der finanzielle Vorsprung des Branchenriesen von 250 Millionen Euro Umsatz vor dem Verfolger Borussia Dortmund wirkt sich spannungsarm auf die Titelvergabe aus und schädigt somit auch das Gesamtprodukt Bundesligafußball.

Der Fußball als sozialer Klebstoff ist weitgehend überfordert

In einer Projektgruppe „Zukunft Profifußball“ will die Bundesliga neu nachdenken, auch darüber, ob wieder mehr soziale Marktwirtschaft Einzug halten kann. Aber fest steht auch: Eine kalte Enteignung werden die Superreichen mit Blick auf die opulent aufgepumpte europäische Konkurrenz nicht zulassen,

Bayern aus München und Borussen aus Dortmund wissen um ihren Marktwert, der für den nationalen Wettbewerb unerlässlich scheint. Die von der Deutschen Fußball-Liga, dem Deutschen Fußball-Bund und nun auch aus Kreisen der Politik vorgebrachten Forderungen nach europaweit geltenden Gehaltsobergrenzen sind zwar nachvollziehbar, führen aber strukturell wohl allenfalls dazu, dass weniger gut überwachte Fußballmärkte noch mehr geheime Geldströme finden, als es sowieso schon gibt.

Das Spannungsverhältnis ist gigantisch, der Fußball als sozialer Klebstoff weitgehend überfordert. Die salbungsvoll präsidialen Worte aus dem Hause des DFB der in Corona-Zeiten vermeintlich vorbildlich gelebten Solidarität halten einer mittelfristigen Belastungsprobe wohl kaum stand. Nicht nur die Bayern werden schon diesen August ungnädig an Siegen gemessen, nicht an Solidarität. (Jan Christian Müller)

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