10. August 2020: Regierungskritische Demonstranten gehen mit Feuerwerkskörpern gegen libanesische Bereitschaftspolizisten vor.
+
10. August 2020: Regierungskritische Demonstranten gehen mit Feuerwerkskörpern gegen libanesische Bereitschaftspolizisten vor.

Kommentar

Explosion der Lügen im Libanon: Hilfe statt Bevormundung ist angesagt

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
    schließen

Die Beiruterinnen und Beiruter haben das Zeug dazu, einen neuen Libanon zu bauen - wenn man ihnen hilft und sie nicht bevormundet. Der Kommentar.

Beirut - Nichts ist gut an dem, was Dienstag vor einer Woche im Hafen von Beirut geschah. Nichts kann es ungeschehen machen. Und keine Hilfe, kein Beistand der Welt kann die Explosion in Halle 12 vergessen machen. Alle Welt schaut auf das kleine merkwürdige Land am Westrand des Nahen Ostens, alle Welt will helfen. Damit so etwas nicht mehr geschieht. Damit alles anders, alles besser wird. Und dabei ist es völlig richtig, darauf hinzuweisen, dass das Gebaren der Mächtigen des Libanon mehr mit einem „failed state“ zu tun hat als mit irgendeiner Art von Politik: „Geld im Sack und haut dann einfach ab“, geht die alte Formel.

Nach Explosionen in Beirut: Libanon mit sträflicher Fahrlässigkeit

Im Libanon bedurfte es für diese sträfliche Fahrlässigkeit nicht mal der schlechten erfolgreichen Vorbilder aus der internationalen Finanzwirtschaft oder der Potentaten von Noriega bis Trump. Der Libanon konnte seine Tragödie aus mafiotischer Klientelpolitik und räuberischen Partikularinteressen, für die er nun allenthalben gescholten wird, schon immer ganz eigenverantwortlich inszenieren. War auch keine große Kunst: Mit zig aufs Blut miteinander verfeindeten Religionen oder regionalen Identitäten auf einer von den Westmächten 1919 verordneten Fläche, die kleiner als Schleswig-Holstein ist.

Es hat durchaus einen bitteren Beigeschmack, dass von den westlichen Demokratien nun ausgerechnet der einstige Kolonialherr Frankreich im Gewand des gestrengen Mahners die Libanesen daran erinnert, eine funktionierende Gesellschaft müsse auf etwas anderes bauen als auf Sektierertum, Tribalismus und „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ (aktuell ist das für die schiitischen Libanesen der Iran). Das ist auch noch mal so bitter, denn das strategische Interesse der Franzosen, sich mit einem westlich orientierten Libanon für den Konflikt im östlichen Mittelmeer einen Vorposten direkt vor der Haustür des türkischen Aggressors zu sichern, ist allzu offensichtlich. Realpolitisch aber auch nur zu vernünftig.

Libanon kann sich nach Explosionen in Beirut neu aufbauen - mit Hilfe statt Bevormundung

Bleiben wir beim Realismus: In der Metropolregion Beirut lebt knapp ein Drittel aller Libanesen. Also haben 30 Prozent des dortigen Völkergemischs die Regierung davongejagt. Man kann das als „Volkes Stimme“ werten – es gibt ja Wahlen, die mit weniger Beteiligung auskommen. Tatsächlich sind die Provinzen des Libanon auch weitgehend abgehängt von der Hauptstadt, die Menschen zwischen Akkar und Golan traditionell leichte Beute für christliche oder muslimische Rattenfänger. Aber in dem seit nun gut 50 Jahren geschundenen und missbrauchten Beirut hat sich – unter tätiger Mithilfe von Globalisierung und digitaler Revolution – eine eigenständige urbane Volksgruppe entwickelt. Die Beiruterinnen und Beiruter haben das Zeug dazu, aus dem Krater von Halle 12 einen neuen Libanon zu bauen. Wenn man ihnen hilft und sie nicht bevormundet.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare