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Leitartikel

DFB-Rücktritt von Joachim Löw: Ein Schritt der Stärke des geschwächten Bundestrainers

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Joachim Löw war, wie Angela Merkel, über anderthalb Jahrzehnte eine vielkritisierte Konstante mit erstaunlichen Abwehrkräften, jetzt gehen sie bald gemeinsam. Der Leitartikel.

Frankfurt am Main - Dass Fußball, Politik und gesellschaftliche Umbrüche in ihrer Entwicklung zu Parallelen neigen, ist vielfach hergeleitet worden, mitunter etwas angestrengt. Sepp Herberger mit den 54er-Weltmeistern und der „Wer sind wieder wer“-Gefühligkeit, Willy Brandts Befreiung vom Mief und Günter Netzers Spielweise aus der Tiefe des Raumes Anfang der 70er, der WM-Titel 1990 mit Teamchef Beckenbauer und die Wiedervereinigung unter Kanzler Kohl, das Sommermärchen 2006 mit der ersten Kanzlerin und einer neuen Leichtigkeit im Schland nach der bleiernen Schwere der Kohl-Jahre. Und jetzt: Das bevorstehende Ende der Ära Angela Merkel und der von Joachim Löw. Beide heftig angeknockt, beide einst gefeiert. Zwei Konstanten über anderthalb Jahrzehnte in einer Welt im Turbowandel.

DFB: Umstände der Pandemie setzten Jogi Löw zu

Schon früh im ersten Lockdown vor fast genau einem Jahr sah man einen Bundestrainer, der nicht nur wegen seiner Frisur aussah wie der letzte Mohikaner. Joachim Löw hatte sich im Frühjahr 2020 in eine Art innere Immigration begeben, ehe er beim ersten öffentlichen Auftritt seit Monaten mit schreckgeweiteten Augen, zugeschaltet aus Freiburg, verkündete, die Welt habe einen „kollektiven Burnout“ erlitten. Und tatsächlich erlebte das Land in der Folge auch einen verletzlicher als zuvor wirkenden obersten Fußballlehrer, dem die Umstände der Pandemie im Privaten wie im Beruflichen zuzusetzen schienen.

Schon im Vorjahr hatte der 61-Jährige nach einer lebensgefährlichen Sportverletzung im Brustbereich zwei Länderspiele verpasst, Corona sorgte zunächst für eine zehnmonatige Länderspielpause, sehr viel Zeit zum Nachdenken - und schließlich für einen missglückten Re-Start, der in einer brachialen 0:6-Niederlage in Spanien mündete. Eine Niederlage, die gemeinsam mit den Tiefausläufern einer debakulösen WM 2018 in Russland den öffentlichen und verbandsinternen Druck auf Löw exponentiell erhöhte. Ohne den Vertrauensvorschuss, den der damals allseits geliebte Bundes-Jogi sich durch den WM-Titel 2014 erarbeitet hatte, hätte der Südbadener nicht, wie jetzt angekündigt, freiwillig gehen können. Er wäre längst branchenüblich gegangen worden.

Jogi Löw hört als Bundestrainer nach der EM 2021 auf.

DFB: Jogi Löw mit schlechtem Image

Mitunter hatte es den Anschein, Löw bekomme in seinem Einsiedlertum am Rande des Schwarzwaldes nicht mit, auf welch betrüblichen Werte sein Image in der öffentlichen Wahrnehmung gesunken war. Auch langjährige journalistische Begleiter, die ihn persönlich mögen, weil er aufrecht ist, unverbaut eitel und direkt und so gar nichts Falsches an sich hat, rieten im vergangenen November dringlich zum sofortigen Rücktritt. Denn Joachim Löw wirkte da wie ein Mann am Ende seiner Kräfte, auch am Ende seines Wissens.

Schon 2012 war das so, nach kolossal missglückter Taktik im EM-Halbfinale gegen Italien und kaum später nach einem 4:4 gegen Schweden, die in wenigen Minuten einen deutschen 4:0-Vorsprung aufholten. Löw am Boden. Schon 2010, nach einem bösen Streit mit dem damaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, war er gefühlt längst Ex-Bundestrainer. Aber dann verzauberte Löws Deutschland bei der WM in Südafrika die Welt. Joachim Löw, die Sphinx, die stets voller Tatkraft zurückkam, wenn es besonders schlimm um sie zu stehen schien.

DFB: Jogi Löw mit starkem Schritt

Jetzt, da es bald vorbei ist mit der Bundestrainerschaft, aus eigenen Stücken entschieden in einem ansonsten daniederliegenden Verband, ist auch dieser Schritt einer der Stärke eines insgesamt geschwächten Bundestrainers. Es geht einer im Sommer nach der Europameisterschaft, der den deutschen Fußball schon als einflussreicher Assistent von Jürgen Klinsmann seit 2004, dann als Chefcoach seit 2006 raus aus der sportlichen Tristesse der Jahrtausendwende geführt hat. Als Profi schon ein Künstler auf dem Platz, hat Joachim Löw seinen Plan vom schönen Fußball dann auch als Bundestrainer konsequent und vielfach erfolgreich fortgeführt, eine neue Leichtigkeit entwickelt, die auch seinem Lebensmuster entspricht. Aber ohne innere Härte und erstaunliche Abwehrkräfte hätte er es niemals so lange durchgehalten.

Die Europameisterschaft im Sommer wird zeigen, ob die Leute hinterher sagen, er wäre besser früher gegangen. Es ist bei Joachim Löw ein bisschen wie bei Angela Merkel in der Corona-Krise und der Hoffnung für den Sommer. Wenn das Land zur Ruhe kommt, lässt sich manches heilen. Dass es Zeit ist, dass sich was dreht, haben beide gespürt. Der logische Nachfolger für Löw hat freilich umgehend abgesagt. Einen deutschen Bundestrainer Jürgen Klopp wird es so schnell nicht geben. Dem Fußball geht es wie der Politik: Wo ist derjenige, der eine neue Story erzählen kann? (Von Jan-Christian Müller)

Rubriklistenbild: © Elmar Kremser/SVEN SIMON/Imago

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