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Leitartikel

Profifußball in Deutschland: Beziehung am Nullpunkt

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Kalter Kommerz, mieses Management, frustrierte Fans: Hat der deutsche Profifußball endgültig verspielt? Der Leitartikel.

  • Der Profifußball wird in Deutschland vielen fremd. Daran ist nicht nur Corona schuld.
  • Einst vertrauenswürdige Organisationen wie der DFB oder die DFL genießen keinen guten Ruf mehr.
  • Finanzielle Interessen stehen im Fußball oft an erster Stelle – und werden mit kühler Kalkulation durchgeboxt.

Die Großwetterlage im deutschen Fußball könnte düsterer kaum sein. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist dabei, sich selbst zu zerlegen. In der Führung tobt ein beispielloser Machtkampf, der bisher nur Verlierer hervorbringt. Das ist ein Jahr, ehe der größte Einzelsportverband der Welt in seine neue, 150 Millionen Euro teure Heimat an der früheren Frankfurter Galopprennbahn ziehen wird, eine betrübliche Bestandsaufnahme.

Profifußball in Deutschland: Die Entfremdung zu Basis geht weiter

Sie wird begleitet von einer zunehmenden Entfremdung der Fanbasis vom finanziell und kulturell durch Corona geschädigten Unterhaltungsbusiness Profifußball. Die Krise komplettieren die Nachwehen der höchsten Pflichtspielniederlage einer deutschen Nationalmannschaft: Dem 0:6 vor drei Wochen in Spanien folgte ein medialer Donnerhall im Fußballland, der den ohnehin taumelnden Verband in seinen Grundfesten erschüttert.

In Zeiten, in denen aus Gründen der Pandemiebekämpfung Stadien und Amateurplätze verwaist bleiben müssen, erkennen viele Menschen keinen Gemeinsinn mehr im Fußball. Umso größer ist die Enttäuschung darüber, dass der irrlichternde DFB sich überfordert präsentiert, integrativen Klebstoff zu schmieren. Im Gegenteil: Die Topfunktionäre können sich des geballten Unverständnisses der interessierten Öffentlichkeit über ihr Gebaren in der Schlangengrube sicher sein.

Der Profifußball wird in Deutschland vielen fremd. Daran ist nicht nur Corona schuld.

Deutschland und sein Profifußball: Der DFB scheitert an seinen Affären

Auch die Nationalmannschaft leidet mitverantwortlich unter einem Bedeutungs- und Anerkennungsverlust, der durch das Dilemma des Verbands noch potenziert wird. Der Glanz des Weltmeisters 2014 ist von einer fetten Patina überzogen. Seit dem Aus des Titelverteidigers als Tabellenletzter der WM-Vorrunde 2018 sind alle Versuche von Manager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw gescheitert, mit ihrem Projekt Nahbarkeit, Leichtigkeit und Popularität zurückzugewinnen. Das Publikum wendet sich zunehmend ab. Große Gefühle? Das war einmal!

Dem DFB steht draußen am Rande des Frankfurter Stadtwalds seit knapp 15 Monaten der Freiburger Winzer und Gastronom Fritz Keller vor. Eine bedeutende Aufgabe des 63-Jährigen sollte es sein, den langen Schatten der Sommermärchenaffäre zu vertreiben, als 6,7 Millionen Euro aus der DFB-Kasse in Katar versickerten. Inzwischen hat der DFB weitgehend erfolglos fast 15 Millionen Euro für die Aufarbeitung an hochdekorierte Kanzleien und Detekteien bezahlt. Derweil erhielten neben der Verbandszentrale auch der Schatzmeister, der Generalsekretär und der einflussreichste Vizepräsident wegen mutmaßlicher Steuerdelikte von der Staatsanwaltschaft unangemeldeten Besuch.

Auch der DFL hat in Deutschland zuletzt vor allem enttäuscht

Seitdem ist der Bruch zwischen dem neuen Verbandschef und seinen alteingesessenen leitenden Kollegen irreparabel. Sie vertrauen sich nicht mehr gegenseitig. Zuletzt ist zu allem Überfluss der ohnehin angeschlagene Bundestrainer Joachim Löw mit in dieses unwürdige Scharmützel geraten, das von gezielten Indiskretionen an die Medien begleitet wird.

Auch das Vertrauen der Fanvertreter in den, von der im Frankfurter Westend beheimateten DFB-Tochter Deutsche Fußball-Liga (DFL) organisierten, Bundesligabetrieb ist dieser Tage in Gefrierpunktnähe gesunken. Viele hatten sich erhofft, dass Wesenszüge eines demokratischen Sozialismus in die Verteilung von jährlich rund 1,25 Milliarden Euro unter den 36 Lizenzklubs eingezogen werden. Sie wurden nachhaltig enttäuscht.

Corona versetzt dem Fußball in Deutschland schmerzhafte Stiche

Der hochkommerzialisierte Profifußball taugt, erst recht in beispiellosen Krisenzeiten, nicht als solidarisches Vorbild, um Schwächere stärker und Stärkere schwächer zu machen. Er ist eine Leistungsgemeinschaft, deren Diskrepanz zwischen global operierenden Unternehmen oben und regionalen Nischenmarken unten unüberwindbar geworden ist. Die zu erwartenden dramatischen Umsatzeinbrüche der Bundesliga von bis zu zwei Milliarden Euro zwischen März 2020 und Mai 2022 geben wenig Raum für Revolution.

Zumal die größte Kenngröße auf der Ausgabenseite nur in Nuancen nach unten dehnbar erscheint: Die Spielergehälter – zwei Millionen Euro im Schnitt für einen Erstligaprofi – stehen als erdrückende vertragliche Verpflichtung einer kurzfristigen Sanierung der Klubs im Weg. Stattdessen müssen vielerorts Bankkredite helfen.

Riesige Schuldenberge: Der Fußball

Den größten Schuldenberg, rund 200 Millionen Euro, schiebt seit Jahrzehnten schon der Tabellenletzte Schalke 04 vor sich her. Ausgerechnet dessen kürzlich nach 26 Jahren im Vorstand zurückgetretener Finanzchef, der wendige Multifunktionär Peter Peters, wird nun für den deutschen Fußball in die Regierung des Weltfußballverbands Fifa entsendet und dafür mit rund 250.000 Euro pro anno entlohnt. Man muss die Personalie nicht verstehen. Deshalb passt sie so gut ins traurige Gesamtbild. (Jan Christian Müller)

Rubriklistenbild: © iStock

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