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Corona, Krieg, Inflation: Verunsichertes Land

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Von: Bascha Mika

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Corona, Krieg, Inflation – das zehrt. Die Krisen haben die Widerstandskraft in Deutschland ausgehöhlt. Der Leitartikel.

Meinung ist nicht gleich Meinung. Das fällt besonders krass auf, wenn sich große Diskrepanzen zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung auftun – was zweifellos derzeit der Fall ist. Wie Journalist:innen in Sachen Krieg ihre Schwerpunkte setzen und was die Bevölkerung umtreibt, hat oft wenig miteinander zu tun.

Da tummeln sich Pressevertreter:innen maulheldenhaft in Schützengräben, überschlagen sich bei der Forderung nach noch schwereren Waffen, treiben die Regierung wegen angeblicher Zögerlichkeit vor sich her und spotten über die Warnung des Friedensinstituts Sipri vor einem Atomkrieg. Warum bieten sie sich nicht gleich bei Selenskyj als Söldner:innen an, um mal richtig Krieg zu erleben?

Wer hingegen die Bevölkerung befragt, findet andere Zeichen. Klar, die Waffenlieferungen an die Ukraine werden insgesamt unterstützt, doch von wesentlich weniger Hurra-Geschrei begleitet als bei vielen Kommentator:innen. Zudem ist eine Mehrheit mitnichten der Meinung, dass die Regierung gefälligst schneller handeln solle, sondern hält die vorsichtige Gangart für durchaus angemessen. So weit die Meinungsforscher:innen von Forsa, die sich die Entwicklung seit Ausbruch des Krieges angeschaut haben.

Es geht für immer mehr Menschen darum, wie sie finanziell über die Runden kommen können. So mancher ist auf die Tafel angewiesen.
Viele haben Angst, dass sich die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft drastisch verschärft. © Boris Roessler/dpa

Sorgen vor sozialer Ungleichheit wegen Krieg

Wenn es um die herrschende Bedrohungslage geht, schrammen die Medienmacher:innen allerdings noch eklatanter am kollektiven Gemütszustand vorbei. Zur Sorge vor eine Eskalation im Ukraine-Krieg hat sich bei sehr vielen Menschen eine weitere Angst gesellt, die sie ungeheuer bedrückt: Die Angst, dass sich die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft drastisch verschärft. Von denen, die im Beruf stehen, fürchten drei Viertel, dass der Krieg die ungerechte Einkommensverteilung noch weit ungerechter machen wird. Und zwei Drittel sorgen sich, „dass die Gesellschaft dadurch so weit auseinanderdriftet, dass sie Gefahr läuft, daran zu zerbrechen“.

Es ist ein beklemmendes Bild, das die neue, repräsentative „Erwerbspersonenbefragung“ der Hans-Böckler-Stiftung einfängt. Die Stimmungslage der Nation ist so düster wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Selbst in den Hochzeiten der Pandemie oder während der internationalen Finanzkrise waren die Sorgen nicht derart ausgeprägt. Der äußere Feind, der einen Vernichtungskrieg im Osten führt, und der innere Feind, der qua Inflation das ökonomische Auskommen bedroht, verbinden sich zu toxischen Gefährdungsszenarien.

Gesellschaft ist durch Krisen verunsichert

„Insgesamt zeigt sich das Bild einer stark verunsicherten Gesellschaft, die mit wenig Zuversicht in die Zukunft blickt“, stellen die Wissenschaftler:innen fest. Corona, Krieg, Inflation – das zehrt! Die Krisen, die sich überlagern, ohne dass nur eine davon bereits ausgestanden wäre, haben die Widerstandskraft der Menschen Stück für Stück abgetragen, die Resilienz des Gemeinwesens ausgehöhlt. Pessimismus bestimmt die Sicht auf kommende Zeiten.

Dabei gilt: Je weniger im Portemonnaie, desto größer die Sorgen und das Misstrauen gegenüber der künftigen Entwicklung – wobei die Ängste bis tief in die Mittelschicht hineinreichen und auch Menschen befallen, die zwar ihr Auskommen haben, aber um den sozialen Frieden im Land fürchten. Denn wer kein Vertrauen mehr in die Zukunft hat, weil er sich fallen gelassen fühlt, traut auch keiner Regierung und keiner demokratischen Institution mehr.

Zwar heißt es immer „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Doch das ist ein Irrtum. Die Zuversicht geht schleichend verloren. Und befördert durch ihren Niedergang eine Entwicklung, die sie hätte verzögern oder gar aufhalten sollen. Es müsste wohl besser heißen: Wenn die Hoffnung stirbt, wird die Lage gefährlich – so wie jetzt. Denn kein Glaube an eine bessere Zukunft hindert die üble Gegenwart, sich weiter zu verschlimmern.

Verteilungsfragen zur Chefsache machen!

Gegen diese Belastung helfen sogenannte Entlastungspakete nur wenig. Inzwischen geht es um die Grundlagen dieser Gesellschaft. Darauf muss die Politik reagieren. Verteilungsfragen zur Chefsache machen! Diejenigen besser stellen, die bereits durch die Pandemie finanziell besonders gelitten haben! Alles andere ist politisch grob fahrlässig.

Wer diese Gefahr nicht erkennt, versteht nicht, was sich hier aufbaut. Wird die Demokratie instabil, kann sie sich behaupten? Vielleicht sollten sich Publizist:innen mal verstärkt diesen Problemen widmen, statt Panzer zu zählen. Denn auch die Verbundenheit mit der Ukraine wird schwinden, wird aufgefressen, wenn hierzulande die sozialen und materiellen Sorgen überborden. „Angst essen Seele auf“, so der Titel eines alten Films. Und mit der Seele essen Angst auch Solidarität auf. (Bascha Mika)

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