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Leitartikel

Neue Streiks: GDL-Chef Claus Weselsky tut seiner Sache keinen Gefallen

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Mit seiner Organisation sollte Claus Weselsky nicht weiter einen Kurs fahren, der die Berechtigung ihrer Forderung für viele Menschen immer weiter in den Hintergrund rückt. Der Leitartikel.

Frankfurt – Es ist schon ärgerlich, dabei zuzuschauen, wie eine im Grunde richtige Sache vom falschen Anwalt vertreten wird. Genau das trifft leider auf den Konflikt zwischen der Deutschen Bahn und der „Gewerkschaft Deutscher Lokführer“ (GDL) zu. Aber wieder einmal muss darauf hingewiesen werden, dass die Sache selbst dadurch nicht unbedingt falsch werden muss.

Claus Weselsky ist als GDL-Chef so etwas wie der Anwalt einer nachvollziehbaren Forderung. Abgesehen von den aufgerufenen Prozentzahlen, die je keineswegs maßlos sind, lautet sein grundsätzliches Ansinnen etwa so: Es kann nicht sein, dass das Personal der Deutschen Bahn für die ökonomischen Folgen der Corona-Pandemie und die politisch gewollte Profitorientierung des Konzerns mit einem Verzicht auf angemessene Lohnerhöhungen bezahlen muss.

Claus Weselsky auf einer Pressekonferenz der GDL.

Deutsche Bahn: GDL kündigt neue Streiks an

Das ist eine Aussage, die hoffentlich viele Beschäftigte in unterschiedlichen Branchen teilen. Wir haben uns zwar leider daran gewöhnt, dass in der „freien Wirtschaft“ für ökonomische Schwierigkeiten, auch für vom Unternehmen selbst verschuldete, nicht selten auch die Belegschaft mit Einschnitten bezahlen muss. Das wird manchmal als einzige Alternative zur Pleite dargestellt, hier und da vielleicht sogar mit Recht. So ist, bedauerlicherweise, das kapitalistische System.

Aber nicht einmal in diesem System wird der Markt ganz sich selbst überlassen. Der deutsche Staat gibt gerade in der Pandemie Milliarden für die Stützung von Unternehmen und für Kurzarbeitergeld aus, um Jobverluste und allzu große Lohneinbußen zu vermeiden. Das ist natürlich etwas ganz anderes als 3,2 Prozent mehr Gehalt plus Corona-Prämie, wie die GDL es fordert. Aber eine Frage an alle, die im Moment froh sein müssen, wenn ihr Einkommen nicht sinkt, und sich deshalb besonders über den Bahnstreik ärgern: Würden Sie nicht auch mehr fordern, wenn Sie in einem Konzern arbeiten würden, der jeden zweiten Tag als Knackpunkt für Klimaschutz und als systemrelevant gepriesen wird?

Claus Weselsky und die GDL haben beim Bahnstreik keine schlechten Argumente

In einem Leserbrief stand kürzlich, dass Lokführerinnen und Lokführer keine Corona-Prämie bräuchten, weil sie ja nicht wie etwa das Pflegepersonal in direkten Kontakt mit der Kundschaft gerieten. Aber lässt sich die Sache nicht auch umgekehrt betrachten? Wäre es nicht richtig, allen, die das Land an zentralen Stellen der Daseinsvorsorge am Laufen gehalten haben, einen Bonus zu gewähren? Gehört das Aufrechterhalten umweltfreundlicher Mobilität etwa nicht dazu? Und warum gibt es inzwischen reihenweise Abschlüsse mit anderen Bahnunternehmen, die den Forderungen der GDL an die DB weitgehend entsprechen?

Im Tarifstreit bei der Deutschen Bahn ruft GDL-Chef Claus Weselsky zur dritten Streikwelle auf.

Es zeigt sich: Claus Weselsky und seine Gewerkschaft haben keine schlechten Argumente. Bessere jedenfalls als der bundeseigene Konzern, der sonntags seine Bedeutung für die gesamtgesellschaftliche Aufgabe Klimaschutz hervorkehrt und werktags lieber teure Streiks in Kauf nimmt, als ein konkretes Angebot vorzulegen. So leicht beantwortet sich die Frage, wer hier die verhinderten Reisenden in Geiselhaft nimmt, also nicht.

Bahnstreik: GDL-Chef Claus Weselsky tut seiner Sache keinen Gefallen

Umso trauriger ist es, mit ansehen zu müssen, dass Weselsky seiner Sache keinen Gefallen tut. Zum einen inhaltlich: Das Angebot der Bahn, nun doch eine Corona-Prämie zu zahlen, mag ziemlich nebulös gewesen sein. Aber es wäre kein Zeichen der Schwäche, sondern ein Signal der Souveränität gewesen, wenn die GDL gesagt hätte: Wir nehmen es als erstes Entgegenkommen und lassen uns auf eine Verhandlungsrunde ein – weitere Streiks bei einem Scheitern nicht ausgeschlossen.

Mi ihrer eigenen Härte und Unbeweglichkeit gibt die GDL nicht nur dem Ärger der verhinderten Reisenden Nahrung, sondern auch dem Vorwurf, es gehe ihr in Wahrheit nur um „Macht“ (ein Vorwurf, den besonders gern die wesentlich mächtigere Konzernführung erhebt). Das ist heikel, denn tatsächlich ist es ja schwer, den offiziellen Teil des Tarifkonflikts – den Kampf um höhere Löhne – vom Existenzkampf der relativ kleinen Gewerkschaft zu trennen.

Dieser Kampf kann offiziell nicht der Anlass zum Streiken sein, aber er schwingt aus guten Gründen mit: Die Frage, wer welche Beschäftigten vertreten darf, ist von der Politik im Tarifeinheitsgesetz so unzureichend geregelt worden, dass niemand sich wundern muss, wenn eine Gewerkschaft sich dagegen wehrt.

DB: Claus Weselsky und die GDL sollten neuen Kurs fahren

Allerdings gilt auch hier: Claus Weselsky sollte mit seiner Organisation nicht weiter einen Kurs halten, der die Berechtigung ihrer Forderung für viele Menschen immer weiter in den Hintergrund rückt. Den Anfang könnte er bei seiner Rhetorik machen. „Inhaltsleere Scheinofferten“, „fadenscheinige Desinformationskampagnen“, „Tricks aus der Mottenkiste der DB-PR-Maschinerie“ – wer meint, so laut und plump werden zu müssen, wirkt nicht gerade wie einer, der seiner Sache sicher ist.

Es gibt zwar unter den Lokführer:innen nur wenige Frauen, aber auch so spricht heutzutage alles gegen dieses Männlichkeitsgetue. Erst recht, weil es für eine im Kern gute Sache zum Hindernis zu werden droht. (Stephan Hebel)

Rubriklistenbild: © Mauersberger/Imago

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