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Jemen
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Wie groß muss die Not sein, wenn Menschen im Jemen sagen, mehr als Covid-19 fürchteten sie den Hunger?

Leitartikel

Katastrophale Situation im Jemen: Das Leid der anderen

  • Tanja Kokoska
    vonTanja Kokoska
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Wenn es um Corona geht, ist Geld da. Aber wenn es um humanitäre Not geht, tun wir nicht einmal das Mindeste. Zum Beispiel im Jemen. Der Leitartikel.

„Das ist ein Weckruf“, sagte vor wenigen Tagen David Miliband, Präsident der Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC). Auf einer „Watchlist“ führt das IRC die Länder auf, die aufgrund von Kriegen, Klimawandel und der Corona-Pandemie gleich dreifach bedroht sind. Demnach ist das Land mit dem höchsten Risiko einer humanitären Notlage im Jahr 2021 der Jemen. 24 Millionen der 30 Millionen Menschen in dem Kriegsland sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. 24 Millionen Menschen. So viele wie die Bevölkerung von Bayern und Baden-Württemberg zusammengenommen.

Krise im Jemen: In Europa ist das Leiden nur vermittelt sichtbar

Was verbirgt sich hinter dieser Zahl? 24 Millionen Menschen hungern. Jeden Tag. Sie sind ohne Obdach, ohne Schutz. Jeden Tag. Sie sind krank. Sie sehen den Tod, jeden Tag. Hunderttausende Male.

Und? Bringt diese Nachricht wirklich den erhofften Weckruf?

Die „Watchlist“ zeige, „was für ein Leiden auf uns zukommen wird, wenn wir Krisen, die dringend internationale Aufmerksamkeit benötigen, vernachlässigen“, führte Miliband weiter aus. Seine Wortwahl ist interessant: „Auf uns“ wird „Leiden“ zukommen. Das klingt fast wie eine Drohung, wenn es auch sicher nicht so gemeint war. Denn wir haben doch nichts zu befürchten. Was wird tatsächlich auf uns zukommen? Bilder des Leidens. Vermitteltes Leiden. Das tatsächliche, das unmittelbare Leiden bleibt fern. Es bleibt vernachlässigt, unbeachtet. Und es bleibt unempfunden.

Länder in Not: Abstrakte Zahlen verschleiern das Leid

Sonst würde etwas geschehen. Sonst würden die Bilder des Krieges, des Hungers und der Not im Jemen etwas bewirken. Warum erreicht uns dieser „Weckruf“ nicht? Warum berührt er uns nicht?

20 Länder führt die Liste des IRC, darunter Syrien, Afghanistan, Nigeria. Länder, in die wir nach wie vor Menschen abschieben oder abschieben wollen. Und mit ihnen das Leid. Länder, von denen das Auswärtige Amt deutsche Staatsbürgerinnen und -bürger dringend auffordert, sie zu verlassen. Diese 20 Länder repräsentieren nur etwa zehn Prozent der Erdbevölkerung. Aber in ihnen leben 85 Prozent aller Menschen, die sich weltweit in humanitärer Not befinden. Auch das klingt fast abstrakt. Worüber sprechen wir? Über ausgebombte Städte. Über Kinder im Müll. Über Schmerzen. Über Terror. Und den Terror, den permanente Angst verursacht.

Corona verschlimmert die Situation im Jemen

Die Corona-Pandemie verschärft die Not. Wie groß muss sie sein, wenn Menschen im Jemen sagen, mehr als Covid-19 fürchteten sie den Hunger? Können wir uns überhaupt vorstellen, was es heißt, das zu sagen? Jetzt, am Ende des Jahres 2020, ist die Mangelernährung von Kindern unter fünf Jahren im Jemen die höchste, die jemals verzeichnet wurde. Laut den Vereinten Nationen sind zwei Millionen Kinder akut vom Hungertod bedroht. Zwei Millionen. Genügt das nicht als Weckruf?

Es kann einem schwindelig werden bei den Summen, die etwa die Staaten der Europäischen Union bereit sind aufzutreiben, um die Folgen der Corona-Pandemie aufzufangen. Es ist doch immer wieder erstaunlich, was alles geht, wenn es um die Wirtschaft geht: 1,8 Billionen Euro. Eine Billion hat zwölf Nullen.

Hilfsgelder für den Jemen: Zu wenig, um die Katastrophe zu bekämpfen

Bei einer Geberkonferenz für den Jemen im Sommer dieses Jahres haben die beteiligten Länder umgerechnet 1,2 Milliarden Euro als Hilfe zugesagt; tatsächlich benötigt würde mindestens das Doppelte. 2,4 Milliarden Euro, aufgeteilt auf Dutzende Staaten und Organisationen. In der Finanzkrise sprach man von solchen Summen als „Peanuts“. Hier würden sie endlich mal Menschen satt machen.

Nur zum Vergleich: Allein 1,8 Milliarden Euro Corona-Hilfe hat die deutsche Bundesregierung gerade zum wiederholten Male dem Flugkonzern Tui zugesichert. So viel zu der Frage, was man tun könnte. Sage niemand mehr, die Kassen seien leer – wir füllen sie nach Belieben, wenn es uns beliebt!

Das Leiden im Jemen wäre vermeidbar – Solidarität aber bleibt aus

Doch die zugesicherte Summe, die ohnehin zu gering ist, wird auch nur sehr zögerlich gezahlt: Drei Viertel der wichtigsten Hilfsprogramme im Jemen stehen wegen Geldmangel vor dem Aus. Dann bleiben noch mehr Menschen sich selbst und ihrer Not überlassen. Aus dem Appell der Vereinten Nationen spricht die Verzweiflung: „Bitte zahlen Sie sofort, es wird den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.“ Mehr geht nicht. Leben oder Tod. Genügt das als Weckruf? Offenbar nicht.

Das versprochene Geld zu zahlen wäre das Mindeste. Das Angemessene wäre, so viel zu zahlen, dass die Not im Jemen endlich wirksam bekämpft werden kann, solange der Krieg dort dauert. Und er wird, das steht zu befürchten, noch lange dauern – auch, weil die Weltgemeinschaft viel zu wenig tut, um ihn zu beenden. Das Gebotene wäre, so zu handeln, wie wir es in der Corona-Pandemie zumindest zugesichert haben – solidarisch. Das Erforderliche wäre, endlich aufzuwachen.

„Ist die Welt bereit, den Jemen von der Klippe fallen zu sehen?“, fragt die UN-Nothilfekoordination. Das ist wohl so, ja. Die Welt lässt das Land fallen, einfach so. Die Bilder des Leidens sind da. Doch das Leiden ist fern. Es bleibt unbeachtet, unempfunden. Es ist beschämend. Es ist erbärmlich. (Tanja Kokoska)

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