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Der Ukraine-Krieg und das Anti-Putin-Klima

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Von: Joachim Wille

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Der Klimaschutz darf nicht unter der Reaktion auf Putins Krieg leiden. Der Leitartikel.

Berlin – Klimakrise. Gibt es die noch? Natürlich. Der Weltklimarat IPCC hat gerade den zweiten Teil seines neuen großen Berichts vorgelegt, diesmal zu den Folgen der ungebremsten Aufheizung unseres Planeten. Die Fakten, die er präsentiert, sind dramatisch. Die Schwellen für das Auslösen von Kippelementen im Klimasystem liegen niedriger als im letzten Report vorausgesagt. Doch wen interessiert das derzeit?

Die Welt schaut erschüttert zu, wie der russische Despot Wladimir Putin das Nachbarland Ukraine bombardiert und den Krieg, der in Europa als Option der Politik ausgemerzt schien, zurückbringt. Ja, der Autokrat in Moskau schreckt nicht einmal vor der Drohung mit der Atombombe zurück. Was ist dagegen der Klimawandel, der erst in den nächsten Jahrzehnten so richtig dramatisch werden wird?

Klimawandel geht im Morast des Krieges in der Ukraine unter

Man könnte zynisch sein. Und sagen: Ist jetzt auch schon egal. Wird die Weltrettung eben noch einmal verschoben. Denn, nüchtern betrachtet: Was ist in weniger kriegerischen Zeiten bisher denn mit den Warnungen vor tödlichen Hitzewellen, Mega-Überflutungen, dem Meeresspiegel-Anstieg, der Ausbreitung von Infektionskrankheiten oder klima-induzierten Flüchtlingsströmen passiert, die der Klimarat regelmäßig alle paar Jahre herausbringt?

Sie haben es zwar deutlich höher in die Schlagzeilen geschafft als diesmal. Doch eine echte Trendumkehr ist weltweit nicht in Sicht. Nirgends haben Energie- und Verkehrswende genug Tempo, wenn sie überhaupt ernsthaft betrieben werden. Von einer das Klima stabilisierenden Renaturierung der übernutzten oder zerstörten Ökosysteme, Wälder, Moore, Feuchtgebiete, ganz zu schweigen.

Klimarat: Das sich „Schnell schließende Zeitfenster“ darf nicht verpasst werden

Der Klimarat und seine Spitzenleute haben diesmal, vielleicht auch mit Blick auf den alle Aufmerksamkeit verzehrenden Krieg in der Ukraine, besonders drastische Worte gewählt. „Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das menschliche Wohlergehen und die Gesundheit des Planeten“, sagte zum Beispiel der Co-Chef der Arbeitsgruppe, die jetzt ihren Teilreport vorgelegt hat, Hans-Otto Pörtner. Jede weitere Verzögerung bei gemeinsamen globalen Maßnahmen werde dazu führen, dass man das sich „schnell schließende Zeitfenster zur Sicherung einer lebenswerten Zukunft“ verpasst.

Das heißt: Die Zeit, in der die Weltgemeinschaft Dominoeffekte in der Klimakrise noch verhindern kann, läuft rasend schnell ab. Und nun wird klar: Putins barbarischer Akt kann durch die Folgen, die er auslöst, das Problem noch verschärfen – oder sogar zum Turbo für die überfällige Wende werden, vor allem in Europa.

Mit Corona als Chance – „Grünes Wachstum“ wurde verpasst

Vor vier Jahren hat der IPCC in einem Sonderreport zum 1,5-Grad-Ziel der Erderwärmung unmissverständlich klar gemacht: Die globalen Emissionen müssen bereits bis 2030 halbiert werden, um eine Chance auf Einhaltung dieses Sicherheitslimits zu behalten. Die Kurve muss sofort drastisch nach unten zeigen. Und vor allem dauerhaft. Geschehen ist das nicht.

Aufgrund der Corona-Lockdowns sanken die Emissionen 2020 zwar deutlich, um rund sieben Prozent. Doch die Regierungen weltweit nutzten die vielen Milliarden schweren Corona-Konjunkturprogramme kaum, um mit „grünem“ Wachstum aus der Krise zukommen. Gestützt wurden eher die alten Strukturen. Die Emissionen sind in der Folge praktisch wieder auf dem alten Niveau. Erneut zwei Jahre verloren.

Werden Klimaschutzinvestitionen nun in die militärische Aufrüstung gesteckt?

Die weltpolitischen Folgen von Putins Krieg jenseits von Tod und Zerstörung in der Ukraine sind noch nicht komplett absehbar. Klimaforscherinnen und Klimaforscher treibt jedoch zu Recht die Sorge um, dass damit auch der Klimaschutz zurückgebombt wird. Konkret: Dass sich die sich vielen Staaten abzeichnende Erhöhung der Militärausgaben zulasten der Energiewende und der Anpassung an den Klimawandel geht, was beides große Investitionen erfordert.

Das Geld für Erdgas, Erdöl und Kohle ist der Treibstoff für die Aggression.
Das Geld für Erdgas, Erdöl und Kohle ist der Treibstoff für die Aggression. © Patrick Pleul/dpa

So verständlich der Reflex ist, gegen den Machthaber in Moskau aufzurüsten – eine Verschiebung der Prioritäten zulasten der Klimapolitik wäre fatal. Immerhin haben die Staaten der Welt zum jüngsten Klimagipfel in Glasgow nationale CO2-Pläne vorgelegt, die, wenn sie umgesetzt werden, eine Begrenzung der Erderwärmung auf 2,1 Grad ermöglichen. Doch auf diesen Pfad (und besser noch darunter) kommen sie eben nur, wenn die Ziele auch mit Maßnahmen unterlegt werden. Das heißt: mit Geld. Mit Investitionen.

Christian Lindner: Deutschland braucht „Freiheitsenergien“ und das möglichst schnell

Für Deutschland und die anderen europäischen Staaten heißt das: Die Energiewende darf nicht unter der Reaktion auf Putins Aggression leiden, im Gegenteil, sie muss beschleunigt werden. Bisher finanzieren die Europäer Russlands Aufrüstung über die Lieferungen der fossilen Energien. Das Geld für Erdgas, Erdöl und Kohle ist der Treibstoff für die Aggression.

Inzwischen dürfte auch der Letzte begriffen haben, dass diese Beziehung so schnell wie möglich beendet werden muss. Die Bundesregierung ist auf dem richtigen Kurs, wenn sie nun die erneuerbaren Energien noch schneller ausbauen will.

Finanzminister Christian Lindner (FDP) hat sie „Freiheitsenergien“ genannt. Die Aufgabe ist, nach der Verschleppung unter den Merkel-Regierungen, zwar gigantisch. Doch wird Deutschland damit wieder zum Vorreiter der Energiewende wie nach 2000, hat das weltweit Signalwirkung. Das ist die richtige Antwort auf die IPCC-Warnungen. (Joachim Wille)

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