Urlaub 2020

Debatte um Corona-Tests: Feierwütige Touristen provozieren Daheimgebliebene

  • Daniel Baumann
    vonDaniel Baumann
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Wer soll die Corona-Tests für Reiserückkehrer bezahlen? Die ersten reflexartigen Antworten sind nicht immer die besten. Der Leitartikel.

Der Urlaub vorbei – und dann erst mal ein Corona-Test am Flughafen und möglicherweise Quarantäne. Es hat schon schönere Arten gegeben, die Ferientage ausklingen zu lassen.

Die Corona-Pandemie stellt die Gesellschaft und jede Einzelne, jeden Einzelnen vor neue Herausforderungen und Fragen. Und während sich weite Teile der Gesellschaft zu Beginn der Pandemie noch einig waren, dass kollektives Indeckunggehen der richtige Weg sei und man der noch kaum bekannten Bedrohung lieber zu vorsichtig als zu gelassen entgegentreten wolle, hat sich dieser Konsens über die Monate zunehmend verflüchtigt.

Corona-Test für Reiserückkehrer: Verschiedene Haltungen prallen aufeinander

Nun stehen die Interessen von Vorsichtigen und Gelassenen, von Individuen und Gesellschaft vermehrt im Konflikt. Die Debatte über die Frage, ob Covid-19-Tests für Rückkehrer aus Risikogebieten verpflichtend werden und wer dafür bezahlt, ist beredtes Beispiel dafür. Dabei geht es um weit mehr als einen Abstrich im Mund-Nasen-Rachen-Raum und die Analyse der Proben im Labor. Es geht um Eingriffe in die Persönlichkeit, individuelle Verantwortung und kollektive Solidarität. Und natürlich um kollidierende Sichten, wie mit der Pandemie umzugehen sei.

Große Krisen sind große Momente des Staates. Er hat als einzige Institution noch die Mittel und die Macht sie einzudämmen. Die durch den Staat verkörperte Gemeinschaft handelt kollektiv und solidarisch, um das Schlimmste zu verhindern. Zugleich bedeutet dies immer die Gefahr, dass Freiheiten beschnitten werden – und der Staat vom Garanten zum Gefährder von Freiheiten mutiert, selbst wenn er die individuelle Freiheit nur deshalb einschränkt, um die größtmögliche Freiheit der Vielen aufrechtzuerhalten. Und genau diese Frage muss in der Corona-Krise immer wieder aufs Neue verhandelt werden.

Corona-Test für Reiserückkehrer: Feierwütige Tourist*innen provozieren Daheimgebliebene

Freiheit setzt Verantwortung voraus. In diesem Fall die Verantwortung, durch das eigene Handeln dazu beizutragen, dass die Corona-Pandemie eingedämmt respektive ein zweiter großer Ausbruch verhindert werden kann. Freiheit gibt den Menschen die Möglichkeit, aus persönlicher Einsicht heraus zu handeln, was für eine höhere Akzeptanz sorgt als Vorschriften und Regeln. Wer Freiheiten allerdings missbraucht, indem er Verantwortung negiert, provoziert regelmäßig das Einschreiten des Staates mit neuen Regeln, also mit Zwang.

An diesem Punkt ist die Gesellschaft nun angekommen. Bilder von feierwütigen Touristinnen und Touristen in europäischen Urlaubsmetropolen, die alle Hygienevorkehrungen sausen lassen, und Reisen in Risikogebiete provozieren die zu Hause Gebliebenen und die Verantwortungsbewussten. Diejenigen also, die sich selbst einschränken, um einen weiteren Lockdown, noch mehr Regeln und finanzielle Schäden zu vermeiden.

Trotz Corona: dichtes Gedränge Anfang Juli auf der „Bierstraße» in Palma de Mallorca“.

Corona-Test für Reiserückkehrer: Gesellschaft zahlt für die sorglosen Reisenden

Diesen Zielen will die Politik nun mit verpflichtenden Corona-Tests für Rückkehrer aus Risikogebieten, immerhin rund 130 Länder, Geltung verschaffen. Ein deutlicher Eingriff in die persönliche Freiheit. Sollen die davon Betroffenen für diese Zwangsmaßnahme auch noch bezahlen? Oder zahlt die Gesellschaft? Die Gesundheitspolitiker haben entschieden: Die Gesellschaft zahlt. Die Empörung folgte prompt. Eine naheliegende und nachvollziehbare Reaktion. Sollte nicht jeder für die Kosten seiner Handlungen selber aufkommen?

Die Frage ist schnell bejaht. Andererseits fordert die Gesellschaft hier Schutz für sich ein. Sie will, dass die Urlaubsrückkehrer getestet werden. Die sorglosen Reisenden sind ja genau das, sorglos. Sie wollen gar nicht getestet werden. An dieser Stelle scheint deshalb wieder die Frage auf, wie sehr das Individuum seiner Freiheit beraubt und auf den kollektiven Willen verpflichtet werden soll. In den Augen vieler geht es hier nur um Urlaub, auf den man doch auch mal verzichten kann. Doch dabei wird es, je länger die Krise dauert, nicht bleiben: Es wird auch um Familien- und Heimatbesuche sowie Geschäftsreisen in Risikogebiete gehen – und damit um sehr grundlegende Freiheiten.

Corona-Test für Reiserückkehrer: Vorsicht vor übereilten Urteilen - gesellschaftliche Fragen

Die eigene Empörung sollte deshalb nicht zu übereilten Schlüssen verleiten. Es geht hier um tiefgreifende gesellschaftliche Fragen und die Abwägung bedeutender Rechtsgüter. In der Vergangenheit haben solche Prozesse oft viel Zeit und lange Debatten benötigt. Und die daraus resultierenden Entscheidungen sind keineswegs geradlinig ausgefallen. In vielen Bereichen lässt die Gesellschaft weiterhin zu, dass Individuen mit ihrem Verhalten die Allgemeinheit schädigen. Umweltsünder, Raser oder Risikosportler – um nur einige zu nennen. Man muss das alles nicht gut finden, aber es können wertvolle Hinweise dafür sein, um sich zu prüfen, ob der erste Reflex in der Corona-Test-Frage der richtige Reflex ist. (Von Daniel Baumann)

Lesen Sie die aktuellen Entwicklungen zu Corona in unseren News-Ticker. In Deutschland steigen die Corona-Neuinfektionen wieder deutlich an.

Rubriklistenbild: © Michael Wrobel/Birdy Media/dpa

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