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Corona-Pandemie im Schulalltag: Bedrohlicher Mangel an Lehrkräften

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Von: Peter Hanack

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Aufholen ist angesagt. Nicht nur Lernstoff. Die Defizite von Schülern sind auch sozialer, emotionaler und psychischer Art.
Aufholen ist angesagt. Nicht nur Lernstoff. Die Defizite von Schülern sind auch sozialer, emotionaler und psychischer Art. © Jens Büttner

Tausende Lehrer und Lehrerinnen fehlen – nicht nur, um die Corona-Lerndefizite aufzuholen. Der Leitartikel.

Frankfurt – Natürlich wird Corona im gerade beginnenden Schuljahr wieder Thema sein. Man wird nicht umhinkommen, die Seuche weiterhin ernst zu nehmen, begleitet von der Hoffnung, dass es damit eher besser werden wird als schlimmer. Also optimistisch rein in das Schulleben? Tja, wenn es doch nur Corona wäre, das die Sorgenfalten auf die Stirn treibt.

Schon jetzt hat die Pandemie lange Bremsspuren durch das Bildungssystem gezogen. Die Lernrückstände sind groß, bis zu einem Viertel der Schülerschaft ist weitgehend abgehängt vom Lernfortschritt, es droht eine in Teilen verlorene Generation, auch wenn das kaum ein Verantwortlicher oder eine Verantwortliche wahrhaben will.

Corona im Schulalltag: Soziale und emotionale Defizite

Aufholen ist angesagt. Nicht nur Lernstoff. Die Defizite sind auch sozialer, emotionaler und psychischer Art. Einfach gesagt: Im Schulalltag muss Normalität wiederhergestellt werden. Dafür braucht es gut ausgebildetes Personal. Das aber gibt es nicht. Jedenfalls nicht genug.

Der Deutsche Lehrerverband schätzt, dass bereits jetzt an den Schulen in Deutschland bis zu 40.000 Lehrerinnen und Lehrer fehlen. Der Bildungsforscher Klaus Klemm mahnt in einer vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegebenen Untersuchung, dass bis zum Jahr 2030 sogar 81.000 Lehrkräfte fehlen werden – mindestens.

Corona-Pandemie: Frei werdende Stellen unbesetzt

Und selbst eine Modellrechnung der Kultusministerkonferenz geht bis 2025 von zu wenig Grundschullehrkräften aus. Bis 2035 könnten demnach auch im Sekundarbereich I, also den Jahrgangsstufen fünf bis zehn, nur 72 Prozent der freiwerdenden Stellen mit neuen Lehrkräften von den Hochschulen besetzt werden. Abhilfe also kaum in Sicht.

Was aber, wenn der Mangel immer größer wird? An der ein oder anderen Stelle mögen innovative Lernkonzepte dazu beitragen, die Situation zu entspannen. Etwa, wenn ein Lehrcomputer beim Üben der Matheaufgaben hilft. Oder Gruppen von Schülern und Schülerinnen das selbst organisierte Lernen und die Teamarbeit so gut beherrschen, dass dies die Lehrkräfte tatsächlich entlasten und Ressourcen freisetzen kann.

Konkurrenz am Arbeitsmarkt wird härter: Nachwuchs fehlt

Aber das wird nicht genügen, zumal gerade jene, die heute schon abgehängt sind oder abgehängt zu werden drohen, von derlei pädagogischen Lösungen kaum profitieren dürften. Gerade sie brauchen, wie die Erfahrung aus Corona nochmals gezeigt hat, die persönliche und unmittelbare Ansprache.

Schon heute arbeiten nahezu alle Schulen in Deutschland mit Personal, das nicht vollumfänglich für die Aufgabe qualifiziert ist. Doch dieser Anteil lässt sich nicht beliebig ausbauen. Und die Konkurrenz am Arbeitsmarkt wird immer härter. Weil Nachwuchs eben nicht nur im Lehrerberuf und bei den pädagogischen Fachkräften fehlt.

Sachsens-Anhalts Bildungsministerin Eva Feußner (wie ihr hessischer Kollege Alexander Lorz von der CDU) rechnete gerade vor, dass die Unterrichtsversorgung bei nur noch 92 Prozent liege. Da ist Sachsen-Anhalt möglicherweise so etwas wie der bundesweite Vorreiter. Und auch der Thüringen Lehrerverband hat schon vor massivem Personalmangel gewarnt, 800 Stellen können nicht besetzt werden.

Lehrkräfte-Mangel: Größere Klassen als Lösung?

Wo liegt die Lösung? Ansprüche ans Personal senken? Klassen größer machen? Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera. Und ja, vielleicht kommt sogar beides.

In Hessen beispielsweise sind aktuell rund 30 Prozent der Stellen an den Schulen nicht für den Kernunterricht vorgesehen, sondern für all jene Aufgaben, die Schule eben auch noch bewältigen soll – und die nicht nur pädagogisch, sondern auch gesellschaftlich nicht mehr wegzudenken sind. Schon heute aber können viele dieser Aufgaben nicht mehr mit ausreichend qualifiziertem Personal besetzt werden.

Was wird aus Inklusion und Integration?

So ist zu befürchten, dass in den Schulen gespart werden muss. Nicht, weil das Geld oder der gute Willen fehlen würden – sondern weil Stellen nicht besetzt und Aufgaben nicht wahrgenommen werden können. Was das für Ganztagssunterricht, Inklusion, die Integration von Seiteneinsteigenden, die individuelle Förderung, die Berufsorientierung und anderen mehr heißt, mag man sich nicht ausmalen.

Die Schulen sind gerade dabei, in eine Lage hineinzurutschen, gegen die die Pandemie im Rückblick wie eine vorübergehende atmosphärische Störung erscheinen mag – schlimm genug, aber irgendwie in den Griff zu bekommen und zu überstehen.

Der Mangel an Personal aber wird die Schulen in den nächsten Jahren und vielleicht Jahrzehnten erst noch richtig treffen. Man sieht die Gewitterfront aufziehen. Ihr zu entkommen ist es leider schon zu spät. Ach ja, frohen Start ins neue Schuljahr. (Peter Hanack)

Währenddessen wird es wieder voller an Hessens Schulen. 25.400 zusätzliche Kinder und Jugendliche drängen in die Klassenräume.

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