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Gesucht: Kluge Corona-Konzepte für Schulen und Kindergärten.

Schulstart

Corona an Schulen und Kindergärten: Es fehlen klare Konzepte

  • Michael Bayer
    vonMichael Bayer
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Nach einem halben Jahr Corona ist in Schulen und Kindergärten kaum etwas passiert. Wann kümmern sich Bund und Länder endlich um die Bildung?

Keine Frage: Bildungspolitisch wirkt sich die Zeit ohne Unterricht in den Schulen gravierend aus. Kinder und Jugendliche, die schon unter normalen Umständen besonderer Förderung bedürfen, fallen weiter zurück. Wer mit Eltern lebt, die sparsam mit dem Familieneinkommen umgehen müssen, wird selten eine Internet-Ausstattung finden, die für häufige Videorunden tauglich ist.

Die Wochen und Monate vor den Sommerferien brachten viele Familien an ihre Grenzen: Homeoffice, Homeschooling, wenig Außenkontakte – vor allem die Mütter waren es, die hier zwischen allen Stühlen saßen. Entsprechend wuchs der Druck auf die Politik, etwas grundlegend zu ändern.

Corona: An Schulen und Kindergärten fehlt das Konzept

Die Antwort: dann wieder Präsenzunterricht in der Schule, Regelbetrieb im Kindergarten. Das schien möglich, weil die Neuinfektionen zurückgingen. Deshalb verstrichen wertvolle Wochen, ohne dass Bund und Länder fundierte Konzepte entwickelten, wie mit Corona und seinen bildungspolitischen Nebenwirkungen umzugehen ist.

Die Folge: Als „A und O“ ihres Kindergartenkonzepts fällt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey nicht mehr ein als: Fenster auf, Hände waschen und Erwachsene bitte Abstand halten. Und die Kultusministerien fordern in Schulen vollständige Lerngruppen ohne Mindestabstand. Das erinnert an Kinder, die sich die Hand vor die Augen halten, weil sie hoffen, so verschwinde eine Gefahr.

Während Eltern mit ihren Kindern diskutieren, ob das Coronavirus es erlaubt, sich einer Black-Lives-Matter-Demonstration anzuschließen, sollen die gleichen Schülerinnen und Schüler in der Schule in engen Klassenräumen mit 30 anderen sitzen. Und das, obwohl junge Menschen Infektionen oft nicht bemerken – aber dennoch ansteckend sind.

Unterricht in Corona-Zeiten: Die Maßnahmen an den Schulen reichen nicht aus

Zugleich bleibt etwa in Hessen die Frage des Mund- und Nasenschutzes offen. Die Experten der Gesellschaft für Virologie haben eine andere Vorstellung. Sie setzen sich für ein „konsequentes Tragen von Alltagsmasken in allen Schuljahrgängen auch während des Unterrichts“ ein.

Es muss mehr passieren. Beispiel Aerosole: Anfang April wurde klar, dass sich das Coronavirus in geschlossenen, unbelüfteten Räumen auch über große Entfernungen verteilt. Als es vor den Sommerferien zurück in die Schulen ging, basierte der Infektionsschutz aber noch weitgehend auf dem Mindestabstands-Konzept der Vor-Aerosolen-Zeit.

Corona zeigt: In Schulen und Kindergärten muss investiert werden

Selbst vier Monate später ist nicht zu erkennen, was sich in Gebäuden ändern muss, damit die Räume ausreichend belüftet werden. In manchen Schulen lassen sich nicht einmal Fenster in oberen Stockwerken öffnen. Hier muss investiert werden.

Beispiel Lerngruppen: Wenn man den Schulunterricht wagt, sagen Virologen, sei zentral, die Klassen voneinander zu trennen; Schülerinnen und Schüler nicht zu mischen. Was heißt das für den Fremdsprachenunterricht, in dem das üblich ist? Was für Religion und Ethik?

Corona-Vorgaben der Ministerien erreichen die Schulen und Kitas vielerorts zu spät

Wer das Konzept der geschlossenen epidemiologischen Einheiten ernst nimmt, müsste erwägen, einige Fächer ausfallen zu lassen. Sport ist aus Infektionssicht in Corona-Zeiten ohnehin schwierig. Vielleicht können die Schulen frei werdende Lehrende so einsetzen, dass mehr Fremdsprachenstunden in kleinen Gruppen möglich werden. Noch grundlegender stellen sich diese Fragen an Gymnasien für das Kurssystem der Oberstufe.

Schulgemeinden, die darüber nachdenken, fühlen sich zu Recht alleingelassen. Die Vorgaben aus den Ministerien erreichen sie vielerorts erst wenige Tage vor Ferienende. Sie sind dürftig, und sie kommen zu spät. Vor Ort müssen sich die Schulleitungen dann anhören, sie seien schlecht vorbereitet.

Corona: Schulschließung oder isolierung einer Gruppe?

Im Corona-Krisenmodus rettet der Staat mit viel Geld und Ideen einen Luftfahrtkonzern und viele andere Unternehmen. Die Gesundheitsministerinnen und -minister diskutieren über Wege, den Bezahlfußball wieder mit Publikum zu ermöglichen. Auch die Regeln für schöne Restaurantbesuche stehen fest. Wann kümmern sich Bund und Länder endlich um Schulen und Kindergärten?

Nach den Sommerferien wird es früher oder später Corona-Fälle in Einrichtungen geben. Sie müssen nicht zwingend nach jeder Infektion geschlossen werden. Entscheidend wird vielmehr sein, die entsprechende Gruppe sofort zu isolieren, ohne auf Testergebnisse zu warten. Corona steckt in den ersten Tagen nach der Infektion am meisten an.

Schulstart unter Corona-Bedingungen: Die richtigen Lehren ziehen

Sollte die Zahl der Neuinfektionen ansteigen, gilt es mit weiteren Schritten das Corona-Risiko zu verringern. Denkbar wäre, im wöchentlichen Wechsel nur eine Hälfte der Klassen in die Schule kommen zu lassen, die andere per Video zuzuschalten. Schwache Schülerinnen und Schüler würden nicht komplett abgehängt. Das setzt voraus, dass Lehrerinnen und Lehrer mit Anleitung Arbeitsweisen und pädagogische Konzepte fortentwickeln.

Auch die Eltern brauchen dann Unterstützung. Zum einen, um die Technik anzuschaffen. Zum anderen benötigen sie zumindest stundenweise Freistellungen vom Job. Denn Homeoffice, Homeschooling und Betreuung gleichzeitig sind zu viel – das immerhin ist die klare Lehre aus dem Frühjahr. (von Michael Bayer)

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