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Für die Kulturbranche ist die Corona-Pandemie desaströs.
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Für die Kulturbranche ist die Corona-Pandemie desaströs.

Leitartikel

Leitartikel zur Corona-Krise: Deutschland hat die Umkehr verpasst

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Keine Rückkehr zu den Verhältnissen vor Corona, das war die Losung der deutschen Politik vor einem Jahr. Zu selten folgten auf diese Worte Taten. Der Leitartikel.

  • Während der Corona-Pandemie wurden viele Chancen verpasst.
  • Kunst und Kultur blieben geschlossen und konnten keinen Beitrag zu einer Transformation des Landes leisten.
  • Autoritäre Hardliner fanden zu Tausenden Zulauf und Zustimmung für eine Diffamierung der Demokratie.

Die guten, geradezu pompösen Vorsätze sind noch im Ohr, die pathetischen Appelle zum Umdenken, zum Einlenken, die aufrüttelnden Aufrufe zum Umschwenken. Die Zukunft nach Corona sollte, so wurde es von Politikern und Politikerinnen in Aussicht gestellt, eine andere sein. So, wie es ist, könne es nicht weitergehen, nicht so selbstbezüglich, nicht so selbstgerecht, nicht so ungerecht. Keine Rückkehr zu den Verhältnissen vor Corona, so die Devise in diesen Tagen vor einem Jahr.

Während der Corona-Pandmie taugen die Pflegekräfte zum Vorbild

Gesellschaftlich verantwortliche Menschen, und dazu werden Politikerinnen und Politiker ganz gewiss gerechnet, riefen zur Besinnung auf – um zukünftig nicht mit allein ökonomischen Normen zu rechnen, sondern auf moralische Werte zu zählen. Spekulation schien nicht mehr als rücksichtsloses Profitieren gefragt, sondern als kluges Hinterfragen selbstverständlich hingenommener Produktionsverhältnisse und Lebensweisen.

Sicherlich nicht fidel, aber doch seltsam fundamental schien der Wille zur Alternative, nicht etwa nur im Kleinen. Auch Konservative mahnten gar Demut an – was ein in Krisenzeiten typisch konservatives Heilsversprechen ist. Beharrende Kräfte appellierten an das Gute, zum guten Ton gehörten Beschwörungen von Tugenden wie Engagement und Empathie. Was das Pflegepersonal an den Krankenbetten vormachte und auf den Intensivstationen vorlebte, sollte nicht bloß Krisenmodus sein, sondern zum gesellschaftlichen Konsens werden. Eben Engagement und Empathie.

Durch Corona fanden autoritäre Hardliner zu Tausenden Zulauf und Zustimmung

Im Umlauf große Begriffe. Umkehr als eine realsoziale Strategie. Religiös motiviert zeigte sich die Mahnung zur Einkehr, fundamental aufgekratzt der Vorschlag zur Rückkehr. Immerhin, anders als noch vor vierzig Jahren, machten Ökofreaks nicht den Vorschlag zum Rückbau sämtlicher gesellschaftlichen Verhältnisse auf einen Stand vor der Industriellen Revolution. Wohl aber fanden autoritäre Hardliner zu Tausenden Zulauf und Zustimmung für eine kaltschnäuzige Diffamierung der Demokratie – um von kaltblütigen Killerabsichten gegenüber Freiheit und Toleranz gar nicht zu reden.

Ist es zu einem Innehalten gekommen, einer Besinnung? Oder gar zu einer durch die Krise ausgelösten Transformation, einer Meinungsänderung, einer Einstellungsänderung, einer Konversion? Bei einer solchen Transformation hätten die Künste und die Kultur eine bedeutende Rolle spielen können. Haben sie es? Haben sie auf eine Transformation hingearbeitet? Sie werden sich – selbstkritisch – fragen müssen, ob sie, während ihnen die Grundlagen entzogen wurden, weil Museum und Theater, Kino oder Literaturhaus geschlossen waren, die Kraft zur Selbstaufklärung gehabt haben.

Corona: Selbstgerechte Antworten helfen nicht weiter

Selbstgerechte Antworten helfen nicht weiter. Denn so finanziell desaströs die drakonischen Maßnahmen für den Kulturbetrieb sind – keine Aufklärung ohne Selbstaufklärung. Angesichts der kaum mehr überschaubaren Komplexität der gesellschaftlichen Verhältnisse, der schwerfälligen Kontrolle ihrer politischen und ökonomischen Regimes, ihrer Regeln und Regularien, darf man von den Institutionen der Kultur erwarten, dass sie sich beredter und überzeugender zu legitimieren wissen als EU-Kommission oder Krisenstäbe. Systemrelevant wäre, wenn Künste und Kultur nicht wie so viele auf die Krise reagieren, nämlich konfus, sondern ihre besondere Rolle (und Relevanz!) so klug wie mitreißend nachzuweisen wüssten.

Zu häufig ist die Krise als Katalysator aufgefasst worden. Keine neue Erkenntnis, diese Feststellung, dass in der Krise das Homeoffice unglaubliche Wachstumszahlen geschrieben hat, ebenso wie Videokonferenzen oder Stream. Kurzarbeit sorgte für Verdruss, Depressionen nahmen zu, das Vertrauen in die Politik aber ab – und das eine hat mit dem anderen nicht direkt etwas zu tun, wie es überhaupt ein Kennzeichen der Krise ist, dass sie, mögen die Unterschiede gravierend sein, generell aufwühlt. Sie ist ein Generalisator von Reaktionen, in der Stimmungen konfus machen und Gefühle kopflos. Alles eins, die Verfettung von Schulkindern, die eine Folge der Krise ist, während die Verfettung privater Reichtümer ein Fetisch kapitalistischen Wirtschaftens ist.

Corona-Krise: Das Versagen ist gravierend

Gut, wenn es anders gelaufen wäre. Zu einer umsichtigen Kultur der Krise hätte gehört, den Corona-Schrecken als Katharsis nicht nur anzukündigen, als Läuterung. Wo, weil das Versagen sonst so gravierend ist, könnte es dazu kommen, wenn nicht in den Künsten. So möchte man, anknüpfend an eine Tradition des Theaters von 2500 Jahren, immerhin hoffen. Diese Hoffnung ist nicht groß, sie hat auch keine Lobby. Es mag sich pompös anhören, aber Hoffnung ist ein Prinzip. (Christian Thomas)

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