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Leitartikel

Corona-Krise: Herdenimmunität löst nicht alle Probleme

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Alle hoffen auf die Impfung, die uns vor Corona schützen soll. Aber das wird längst nicht reichen. Der Leitartikel.

  • Immer mehr Menschen befürchten in der Corona-Krise eine Überforderung der Politik.
  • Herdenimmunität ist das Ziel in der Pandemie, aber sie löst nicht alle Probleme.
  • Die Gesellschaft muss ihr Immunsystem im Wahlkampf stärken: Denn Streit bringt die besten Kompromisse hervor.

Kürzlich wurde Angela Merkel gefragt, wie sie auf den Rest ihrer Amtszeit blickt. „Meine Perspektive ist: Mitten im Leben und möglichst vernünftig regieren“, antwortete die bald scheidende Bundeskanzlerin.

Zwei Wochen später, am Mittwochabend, trafen sich CDU, CSU und SPD im Koalitionsausschuss. An den Ergebnissen lässt sich ablesen, was mit „möglichst vernünftig regieren“ gemeint sein könnte – und was nicht.

Der gegenwärtige Stand der Pandemie-Krise lässt sich als Zwischenstadium auf dem Weg zur erhofften Immunisierung beschreiben. Das gilt zunächst ganz praktisch: Es wird geimpft, wenn auch mit peinlichen Stolpereien und Verzögerungen, und das nährt die Hoffnung auf „Herdenimmunität“. Will heißen: Irgendwann könnten die Debatten verstummen, wer was wann mit oder ohne Impfschutz wieder darf.

Was die große Koalition versucht, ist viel zu wenig. Unternehmen, Kulturschaffende sowie Bezieherinnen und Bezieher von Grundsicherung bekommen zusätzliche, teils absolut unzureichende Hilfen, um dem Virus nicht ökonomisch oder sozial zum Opfer zu fallen.

Corona-Krise: 54 Prozent befürchten eine Überforderung der Politiker:innen

Das meint Gesundheitsminister Jens Spahn, wenn er vom „verantwortungsvollen Übergang vom Lockdown in einen neuen Normalzustand“ spricht, und seine Worte wirken wie eine vorweggenommene Reaktion auf die Ergebnisse der „Ängste-Studie“, die am Donnerstag (04.02.2021) veröffentlicht wurden: Die Zahl derjenigen, die eine Überforderung der Politikerinnen und Politiker befürchten, ist seit Juli von 40 auf 54 Prozent gestiegen.

Diese Zahl geht über das übliche Maß an Distanz oder Aversion gegenüber „der Politik“ hinaus. Es spiegelt sich darin nicht nur das Gefühl, dass Versprechungen und Prognosen, wie sie aus dem politischen Raum manchmal leichtfertig abgegeben wurden, nicht tragfähig sind. Womöglich geht es um viel mehr: um die Furcht vor einem Kontrollverlust, dem durch „möglichst vernünftiges Regieren“ à la Angela Merkel nicht zu begegnen ist.

„Möglichst vernünftig regieren“, das mag angenehm einschläfernd gewirkt haben, solange große Teile der Gesellschaft sich gemeinsam mit ihrer Kanzlerin der großen Weiter-so-Illusion hingaben. Selbst der Klimawandel, obwohl längst spürbar, löste keine überwältigende Wendestimmung aus. Jetzt aber, da die akute Gefahr uns im Wortsinne zu Leibe rückt, wird immer deutlicher: Die Krisen und Umbrüche unserer Zeit – vom Klima bis zum Autoritarismus, von der sozialen Spaltung bis zum Rassismus – lassen sich nicht so entspannt abarbeiten wie die Schlaglöcher auf der Hauptstraße um die Ecke.

Immunität durch Impfung: Mit Erkältung zur Arbeit wird „danach“ noch absurder

Mit Immunität im virologischen Sinne, so berechtigt die Hoffnung auf das Wiedergewinnen persönlicher Freiheit ist, wird es nicht getan sein. Die Corona-Pandemie hat zu viele „Schlaglöcher“ im gesellschaftlichen, im ökonomischen und sozialen Fundament unseres Systems offengelegt, als dass wir uns immun fühlen könnten, wenn das Virus an Kraft verliert. Als Virenschleuder in die überfüllte Bahn zu steigen, um trotz Erkältung arbeiten zu gehen – das wird uns „danach“ noch absurder erscheinen, als es vorher schon war.

Was die große Koalition versucht und auch am Mittwochabend wieder praktiziert hat, ist in dieser Perspektive nicht nichts, aber es ist viel zu wenig. Unternehmen, Kulturschaffende sowie Bezieherinnen und Bezieher von Grundsicherung bekommen zusätzliche, teils absolut unzureichende Hilfen, um dem Corona-Virus nicht ökonomisch oder sozial zum Opfer zu fallen. So hat es der Koalitionsausschuss beschlossen.

Aus der Binnensicht des regierenden Personals mag das wie eine erhebliche Stärkung des kollektiven Immunsystems aussehen, und es war CSU-Mann Alexander Dobrindt, der vor lauter Freude ein seltsames Politikverständnis offenbarte: „Das war nicht zwingend zu erwarten, weil man bei den einen oder anderen Äußerungen im Vorfeld schon das Gefühl hatte, dass man sich im Wahlkampfmodus befinden könnte.“

Herdenimmunität: Die Gesellschaft sollte ihr Immunsystem durch Streit stärken

Ja, der böse Wahlkampf, dem die Vernunft des Kompromisses gegenübersteht. Diese Sichtweise ist nicht deshalb gefährlich, weil Kompromisse verwerflich wären. Gefährlich ist sie, weil unterschlagen wird, dass der beste Kompromiss erst aus dem Streit entsteht. Wenn diese Gesellschaft ihr Immunsystem dauerhaft stärken will, muss sie weiter denken als bis zur herbeigeimpften Herdenimmunität. Sie braucht Ideen und Visionen, und sie braucht den Streit darüber, also gerne auch: Wahlkampf.

Das zeigt sich selbst bei der akuten Impfthematik: Wer das heutige System der profitablen Patente, nicht infrage stellt, nimmt die zumindest lückenhafte Immunisierung in den ärmeren Regionen dieser Welt in Kauf. Und wird erleben, dass die Gefahr im Huckepack der globalen Reisetätigkeit wiederkommt.

„Möglichst vernünftig regieren“? Das würde bedeuten, sich solchen Themen radikal zu stellen. So gesehen, ist die Regierung Merkel von ihrem eigenen Anspruch Lichtjahre entfernt. (Stephan Hebel)

Rubriklistenbild: © Dorothée Barth/dpa

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