Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Leitartikel zu Corona

Corona in Deutschland: Armut wird in der Pandemie zur tödlichen Gefahr

  • Viktor Funk
    vonViktor Funk
    schließen

Corona gefährdet sozial Benachteiligte besonders. Die Parteien müssen im Jahr der Bundestagswahl sagen, was sie dagegen tun wollen. Der Leitartikel.

Frankfurt am Main - Es überrascht, wie sehr unbelegte Behauptungen emotionalisieren und wie ruhig es bleibt, wenn vorliegende Daten auf einen Skandal hindeuten. Es geht um die von Covid-19 besonders schwer getroffenen Menschen. Es geht um diejenigen, die auf den Intensivstationen liegen und die sehr häufig sterben.

Das Robert-Koch-Institut hat auf FR-Nachfrage bestätigt, dass es keine Informationen über die Herkunft dieser Menschen hat. Dennoch gab es einen Aufschrei darüber, dass besonders viele Menschen mit Migrationsgeschichte auf den Intensivstationen liegen und dass das angeblich verschwiegen werde.

Corona-Krise und die Armen: Sozial Benachteiligte sterben häufiger

Das RKI hat jetzt aber auch erstmals Daten darüber vorgelegt, in welchen Gebieten es in Deutschland sehr viele Infektionen und eine höhere Sterblichkeit gab. Im Dezember und Januar, auf dem Höhepunkt der zweiten Corona-Welle, „lag die Covid-19-Sterblichkeit in sozial stark benachteiligten Regionen um rund 50 bis 70 Prozent höher als in Regionen mit geringer sozialer Benachteiligung.“ Wo bleibt der Aufschrei jetzt?

Solange die sozial Benachteiligten nicht auffallen, sind sie kein Thema. Wer unsichtbar stirbt, löst keinen Skandal aus.

Vorurteile und Ausgrenzungen sind die Ursachen dafür, warum die eine Nachricht zu unsäglichen „Es ist ein Tabu!“-Schlagzeilen führt und die andere weitgehend ignoriert wird. Solange die sozial Benachteiligten nicht auffallen, sind sie kein Thema. Wer unsichtbar stirbt, löst keinen Skandal aus.

Corona: Arme Länder leiden heftiger unter dem Virus als Deutschland

Knapp 16 Prozent aller Menschen in Deutschland sind armutsgefährdet, Frauen etwas stärker als Männer. Von denjenigen, die eine Migrationsgeschichte haben, sind mehr als 27 Prozent armutsgefährdet, von denjenigen ohne einen deutschen Pass mehr als 35 Prozent.

Dass die Benachteiligten stärker von Corona betroffen sein würden, war sehr schnell in den Ländern sichtbar, wo die Schere zwischen Arm und Reich noch größer ist als in Deutschland, etwa in den USA oder Brasilien. Es ist immer das gleiche Muster: Je prekärer die Lebenssituation, desto gefährdeter sind die Menschen – ob mit oder ohne eine Migrationsgeschichte.

Corona in Deutschland: RKI weist im Jahr der Bundestagswahl auf wichtiges Thema hin

Das RKI weist mit den neuen Daten auf ein sehr wichtiges Thema hin. Wir brauchen Informationen über die sozioökonomische Situation der Infizierten. Wie sie leben, wie viel sie verdienen, in welchen Berufen sie arbeiten, welche Vorerkrankungen sie haben, Alter, Geschlecht – aber nicht die Herkunft. Herkunft tötet nicht. Armut tötet. Und Ignoranz.

Die Parteien, die nach der Bundestagswahl im September Deutschlands Entwicklung prägen werden, müssen sich mit diesen Fragen stärker auseinandersetzen als bisher. Sie müssen endlich das Thema Umverteilung lauter diskutieren, und das Gleiche gilt auch für die Themen Ausgrenzung und Repräsentanz.

Armut in der Corona-Krise: Manche Gruppen besonders betroffen

Wenn bestimmte Gruppen überproportional von etwas betroffen sind, dann muss man die Strukturen überprüfen, die dazu führen. Dass Armut über Generationen weitergegeben wird, hat mehr strukturelle als individuelle Ursachen, dass selbst innerhalb der Gruppe der Benachteiligten eine bestimmte Gruppe noch häufiger betroffen ist, ebenso.

Die SPD hat bisher als einzige Partei ein vorläufiges Wahlprogramm vorgelegt, es ist in vielen Punkten bemerkenswert, auch beim Thema soziale Teilhabe. Die SPD scheint eingesehen zu haben, dass sie mit Hartz IV mehr zur Verhärtung der Armut beigetragen hat, als sie bisher zugab.

Corona-Krise zwingt uns dazu, über stärkere Umverteilung zu reden

Deswegen traut sie sich endlich auch wieder, über eine stärkere Umverteilung zu reden. Und sie hat auch eingesehen, dass eine bessere Repräsentanz bestimmter Gruppen wichtig ist. Leider aber – das ist zumindest der Eindruck – führten vor allem machtstrategische Gründe zu dieser Einsicht. Denn sie bezieht sich nur auf die wahlberechtigte Gruppe, die Wählerinnen und Wähler in Ostdeutschland.

Wer eine wirklich soziale Politik verspricht, adressiert sie an alle, nicht nur an die, die wählen dürfen. Von den speziellen Lebenserfahrungen vieler Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte spricht die SPD in dem Wahlprogrammentwurf nicht. Aber bis zum Beschluss über das Papier am 9. Mai wäre ja noch Zeit.

Corona: Alle profitieren von Geschichten wie der bei Biontech

Die anderen Parteien, die ihre Programme noch vorlegen wollen, werden um das Thema soziale Gerechtigkeit nicht herumkommen. Die Pandemie zeigt wie keine andere Krise der vergangenen Jahre, wie ungerecht es in diesem Land zugeht.

Natürlich lässt sich auf andere Staaten verweisen, wo die Lage noch schlimmer ist. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, wie es noch besser und gerechter werden kann und welche Vorurteile uns daran hindern, es so werden zu lassen. Es kann ja sein, dass die gesamte Gesellschaft dann davon profitieren wird, das zeigt nicht nur die Geschichte des Gründerpaares von Biontech, Özlem Türeci und Ugur Sahin.

Die Daten von RKI zu Corona-Betroffenen sagen auch: Wo der Wohlstand ist, da verbreitet sich das Virus schlechter. Oder anders gesagt: Mehr soziale Gerechtigkeit könnte eine Pandemie schneller enden lassen. Lernt die Politik daraus?

Rubriklistenbild: © Henning Kaiser/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare