Der Wunsch nach Normalität ist groß. Doch bevor Bewohner von Pflegeheimen geimpft werden, sollte sich ein Vakzin bewährt haben.
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Der Wunsch nach Normalität ist groß. Doch bevor Bewohner von Pflegeheimen geimpft werden, sollte sich ein Vakzin bewährt haben.

Leitartikel

Vorsicht vor einem „Impfstoff-Nationalismus“ - Corona-Impfstoff gerecht verteilen

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Die Regierungen sollten klären, wie ein Corona-Impfstoff gerecht und sinnvoll verteilt werden kann. Nationale Egoismen führen zu nichts.

  • Um Corona einzudämmen, ist ein Impfstoff nötig.
  • Dass alle von Anfang an geimpft werden, ist auch in Deutschland nicht möglich.
  • Wie kann er am besten sinnvoll und gerecht verteilt werden?

Endlich wieder so leben wie vor der Pandemie: Die Garantie dafür scheint derzeit nur ein Impfstoff zu bieten. Die überwiegende Mehrheit der Menschen auf der Welt dürfte die Impfung deshalb herbeisehnen und darauf drängen, sie sofort verabreicht zu bekommen, sobald das erste Vakzin verfügbar ist. Doch so schnell kann die erhoffte vollständige Rückkehr zur früheren Normalität nicht gelingen – selbst dann nicht, wenn irgendwann ein sicherer Schutz gegen eine Infektion mit dem Coronavirus auf dem Markt sein sollte.

Es wird unmöglich sein, alle Menschen auf einmal zu impfen, nicht in Deutschland, nicht in Europa und schon gar nicht weltweit. Vor allem in der ersten Zeit dürfte die Menge an Impfstoff nicht ausreichen, um den Bedarf auch nur ansatzweise zu decken. Fatal wäre es, wenn international ein egoistisches, unwürdiges Gerangel um Impfdosen einsetzen und diese nach der Finanzkraft eines Landes und/oder dem Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ vergeben würden.

Corona-Impfstoff: Medizinische und ethische Kriterien sollten berücksichtigt werden

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits vor einem „Impfstoff-Nationalismus“ gewarnt und eine globale Solidarität und Zusammenarbeit angemahnt. Die internationale Staatengemeinschaft sollte das beherzigen und sich schon jetzt auf Regeln einigen, wie die künftigen Impfdosen sinnvoll und vor allem gerecht zwischen den Ländern aufzuteilen sind.

Auf nationaler Ebene stellen sich noch eine Reihe weiterer Fragen, mit denen sich die politisch Verantwortlichen, die Ärzteschaft und Einrichtungen wie die Ständige Impfkommission auseinandersetzen müssen. Es gilt, jetzt schon Standards festzulegen und Empfehlungen auszuarbeiten, in welcher Reihenfolge die verschiedenen Bevölkerungsgruppen sich impfen lassen sollten. Neben medizinischen sollten dabei auch ethische Kriterien berücksichtigt werden. Wenig wäre schrecklicher als eine ungeregelte Situation, in der die Cleveren schnell zum Zuge kommen, denen es gelingt, als Erste einen Termin zu ergattern,

Senior*innen, Menschen mit Grunderkrankungen und mit viel Kontakten als Erstes impfen

Es scheint nahezuliegen, diejenigen früh zu impfen, die am stärksten gefährdet sind, bei einer Infektion schwer zu erkranken, Ältere und Menschen mit Grunderkrankungen vor allem. Doch es ist komplizierter. Wer wann geimpft werden sollte, hängt wesentlich von der Effizienz, den Nebenwirkungen und der Sicherheit eines Impfstoffs ab. Deshalb sollte die Strategie am besten eine flexible sein und mehrere Varianten beinhalten – etwa für den Fall, dass ein Impfstoff keinen vollständigen Schutz gewähren kann, sondern bei einer Infektion nur für einen leichteren Verlauf von Covid-19 sorgt.

Unbestritten dürfte sein, dass es sinnvoll ist, Menschen, die im Gesundheitswesen und in der Pflege arbeiten, als Erste zu impfen, sowie auch jene früh zu schützen, die berufsbedingt viele Kontakte haben wie das Personal in Supermärkten oder die Mitarbeiter von Lieferdiensten. Bei gesundheitlich vorbelasteten Menschen müssen Nutzen und Risiko einer Impfung indes sorgfältig abgewogen werden – gerade dann, wenn das Vakzin noch neu ist. Denn selbst wenn alle klinischen Studien gewissenhaft durchlaufen wurden, so bleibt doch eine Schwachstelle.

Corona-Impfstoffe könnte an gesunden, jüngeren Erwachsenen getestet werden

In der Regel werden Impfstoffe an gesunden, eher jüngeren Erwachsenen getestet. Selbst wenn sie einen Impfstoff gut vertragen, so ist nicht gewährleistet, dass ein älterer oder kranker Mensch ihn ebenso problemlos wegsteckt. Deshalb sollte etwa bei den Bewohnern von Pflegeheimen zunächst lieber zurückhaltend vorgegangen und sie erst dann geimpft werden, wenn sich ein Vakzin bewährt hat.

Zu klären wäre auch, wann und ob überhaupt Kinder geimpft werden sollen, die nach heutigen Erkenntnissen nur selten an Covid-19 erkranken und bei der Übertragung auch eine geringere Rolle zu spielen scheinen als bei der Grippe. Zudem wird wenig beachtet, dass es bei den mehr als 100 Impfstoffkandidaten in der Entwicklung verschiedene Ansätze gibt, wie sie vor einer Infektion schützen sollen. Das gilt auch für die rund 30, die derzeit in klinischen Studien getestet werden.

Reaktion des Immunsystems und Wirkung des Corona-Impfstoffes: Viele Fragen sind noch offen

Einige arbeiten mit den neuen, noch nicht am Menschen erprobten genbasierten mRNA-Impfstoffen, andere mit Vektorviren als Hülle und wieder andere mit traditionellen Methoden wie abgetöteten oder abgeschwächten Erregern. Wie damit umgehen, wenn zwei verschiedenartige Impfstoffe gleichzeitig auf den Markt kommen? Auch muss es nicht automatisch so sein, dass der erste zugelassene Impfstoff auch der beste ist.

Noch gibt es viele Wissenslücken, die das Coronavirus, die Reaktion des Immunsystems und die Wirkung einer potenziellen Impfung betreffen. Wahrscheinlich werden sie längst nicht alle gefüllt sein, wenn der erste Impfstoff zugelassen ist. Der Wunsch nach einer Ende von Maskenpflicht, Abstandhalten, Quarantäne und Feierverzicht sollte nicht dazu verleiten, sich das Ziel zu setzen, möglichst schnell möglichst viele Menschen zu impfen. Auch dann nicht, wenn der öffentliche Druck groß wird. (Von Pamela Dorhöfer)

Was das Heilmittel anbelangt: Momentan liegt Deutschland bei der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Corona noch zurück. Und aktuell werden 150 Corona-Impfstoffe getestet.

Bis es einen Impfstoff gibt, wollen Forscher in Costa Rica die Zeit mit Antikörpern überbrücken. Dazu forschen sie an Corona-Antikörpern von Pferden. Jetzt sollen Menschen die Pferde-Antikörper gespritzt bekommen.

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