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Leitartikel

Debatte um Corona-Impfpflicht: Markus Söder begibt sich auf sehr dünnes Eis

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Eine Impfpflicht im Kampf gegen das Coronavirus für das Pflegepersonal ist der falsche Weg. Bedenken und Sorgen muss man anders begegnen. Der Leitartikel von Pamela Dörhöfer.

  • Markus Söder hat eine Diskussion über die Impfpflicht für das Pflegepersonal im Kampf gegen das Coronavirus angestoßen.
  • In der Berufsgruppe herrscht Verunsicherung wegen möglicher Nebenwirkungen und Langzeitfolgen.
  • Die Ängste des Pflegepersonals sollten ernst genommen werden.

Frankfurt - Mit seinen Überlegungen zu einer Impfpflicht für Pflegepersonal und der damit angestoßenen Diskussion hat sich der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auf sehr dünnes Eis begeben. Sicher, es ist nachvollziehbar, was ihn zu der Aussage getrieben hat, der Ethikrat solle sich mit dieser Frage beschäftigen: Viele Pflegekräfte wollen sich nicht impfen lassen. Aber auch in der Ärzteschaft ist die Haltung alles andere als einheitlich, wie Diskussionen in Medizinportalen belegen.

Skepsis herrscht also ausgerechnet in den Berufsgruppen, die viel Umgang mit jenen haben, die durch Covid-19 besonders gefährdet sind. Die diese Menschen deshalb leicht anstecken könnten und selbst ein erhöhtes Risiko haben, sich mit dem Coronavirus zu infizieren.

Corona-Pandemie: Impfung ist ein körperlicher Eingriff an gesunden Menschen

Man darf annehmen, dass Söder aus der Not heraus agiert. Doch eine Impfpflicht wäre der falsche Weg. Eine Impfung ist eine vorbeugende Maßnahme, streng genommen ein körperlicher Eingriff an gesunden Menschen – und damit etwas grundlegend anderes als ein Medikament, das man nimmt, um ein Leiden zu behandeln, und deshalb Nebenwirkungen akzeptiert.

Markus Söder eine Diskussion über die Impfpflicht für das Pflegepersonal angestoßen.

Dass viele Menschen offenbar noch nicht entschieden haben, ob sie sich gegen Covid-19 impfen lassen wollen, kann man ihnen nicht verdenken. Die Technologie der beiden in der EU zugelassenen mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna ist völlig neu, auch ein Vektorimpfstoff wie der von Astrazeneca wurde bislang nicht in der Breite eingesetzt. Es ist verständlich, dass die Neuartigkeit und schnelle Entwicklung dieser Vakzine ebenso wie deren zügige Zulassung Unsicherheit und Ängste auslösen, unabhängig davon, wie berechtigt sie objektiv sein mögen.

Impfkampagne in der Corona-Krise: Angst vor Nebenwirkungen und Langzeitfolgen

Es sind keineswegs nur Impfgegner, die vor der Spritze zurückschrecken. Viele dürften auch aus ganz persönlichen Gründen zögern, vielleicht, weil sie gerade erst eine Krebserkrankung überstanden haben oder unter schweren Allergien leiden (auch wenn sich die Covid-Impfung deshalb nicht grundsätzlich verbietet). Vielleicht auch, weil sie Nebenwirkungen und Langzeitfolgen fürchten, die man jetzt noch nicht kennen kann. Solche Ängste sollte auch akzeptieren, wer sie für unbegründet oder angesichts der dramatischen Pandemielage für nicht gewichtig hält. Sinnvoller als Druck auszuüben, wäre es, nach Motiven zu fragen.

Und es ist ja unbestritten, dass viele Fragen zur Corona-Impfung noch nicht geklärt sind. Das betrifft extrem seltene ebenso wie möglicherweise erst später auftretende Nebenwirkungen, die Dauer und den Umfang des Schutzes.

Corona: Quarantäne-Ausnahmen in Sachsen-Anhalt sind das falsche Signal

So weiß man bislang nicht, ob Geimpfte das Coronavirus nicht trotzdem übertragen können. Es ist zwar sehr wahrscheinlich, dass dieses Risiko mit der Impfung sinkt, ob es Richtung null geht, bleibt aber fraglich. Deshalb sind auch die Quarantäne-Ausnahmen für Geimpfte in Sachsen-Anhalt das falsche Signal. Solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, muss zur Sicherheit davon ausgegangen werden, dass auch Geimpfte andere infizieren können und deshalb keine Sonderrechte genießen sollten.

Ungut ist auch das moralische Befrachten der Impfung als „Bürgerpflicht“, ein Begriff, der in diesem Zusammenhang bereits mehrfach zu hören war. Das dürfte eher das Gegenteil bewirken und Unbehagen oder gar Widerwillen auslösen – vor allem in Kombination mit dem Reizwort Impfpflicht.

Zudem könnte die Befürchtung aufkommen, dass eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen schnell zu einer allgemeinen wird. Impfpflicht ist immer ein sensibles Thema, hat aber bei neuartigen Vakzinen noch eine ganz andere Wucht als bei lange eingeführten. Wäre sie wirklich zu verantworten?

In dieser Pandemie sind schon einige Grundrechte eingeschränkt worden, der Lage geschuldet, nicht aus Willkür. Eine Impfpflicht, selbst wenn sie nur für einige Berufsgruppen gelten würde, könnte die eine Schippe zu viel sein – Stichwort: Recht auf körperlicher Unversehrtheit – und bei einem Teil der Gesellschaft zu einem Kippen der Stimmung oder gar dazu führen, sich dem Milieu der Querdenker und Impfgegner zuzuwenden. Das kann niemand wollen.

Corona in Deutschland: Die Akzeptanz der Impfung lässt sich nicht erzwingen

Auch wenn es schwer zu ertragen sein mag: Die Akzeptanz der Impfung lässt sich nicht erzwingen. Skepsis und Ängsten lässt sich nur begegnen, indem man sie ernst nimmt und so umfänglich wie offen aufklärt: sachlich, auf wissenschaftlicher Basis, aber verständlich, ohne falsche Gewissheiten und ohne Vereinfachungen. Ohne Zeigefinger und einen auf Schuldgefühle zielenden moralischen Druck. Ohne zu polarisieren und ohne zu überreden. Wer sich impfen lässt, sollte es aus Überzeugung tun.

Nebenbei: Würden Pflegekräfte ihren Beruf aufgeben, weil ihnen diese Alternative immer noch besser erscheint als die Impfung, wäre damit keinem geholfen. (Pamela Dörhöfer)

Rubriklistenbild: © Daniel Karmann/dpa

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