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„Freedom Day“: Folgeaktion von #alledichtmachen betreibt Kriegsverharmlosung als Corona-Kritik

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Von: Katja Thorwarth

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Die bemüht künstlerische Kritik an der Corona-Politik wird im dritten Teil nicht besser.
Die bemüht künstlerische Kritik an der Corona-Politik wird im dritten Teil nicht besser. © Screenshot_dankefueralles

Vor dem „Freedom Day“ folgt auf #allesdichtmachen und #allesaufdentisch nun #dankefueralles. Das „Querdenker“-Format muss ohne Promis auskommen. Ein Kommentar.

Auf Twitter verzeichnet der Account #dankefueralles aktuell (17.03.2022, 15.41 Uhr) 527 Follower. Das ist nicht viel, ergo wäre die Aktion entspannt zu ignorieren. #allesdichtmachen, Teil 1 kulturbeflissener Spaßvögel aka bekannter deutscher Schauspieler:innen, hatte es immerhin in die Tagesschau und die 3Sat-Kulturzeit geschafft. Einige der Protagonist:innen weinten hinterher zwar bittere Krokodilstränen, wohl weil sie im Eifer des Anti-Corona-Gefechts Zynismus mit Satire verwechselten, aber geschenkt. Fehler machen wir alle.

Manche gerne auch zweimal, die nämlich tauchten bei #allesaufdentisch erneut auf, um ihre Kritik an den staatlichen Corona-Maßnahmen dieses Mal explizit auf der Ebene Corona-leugnender „Querdenker:innen“ zu platzieren. Besonders genannt werden sollten hier Jan Josef Liefers (framt das Corona-Thema gerne mit DDR-Diktatur), Volker Bruch (empfindet Corona-Faktenchecks als „Volksverdummung“) und Wotan Wilke Möhring (hat „Zensur“ als sein Lieblingswort entdeckt).

Corona-Politik: #dankefueralles

Nicht vergessen werden darf Regisseur Dietrich Brüggemann, Video-Aktivist der ersten Stunde. Der führte sein „Expertengespräch“ mit Christoph Kuhbacher, einem Psychologen, der Mitglied eines Vereins von Sucharit Bhakdi ist. Und der wiederum schwadroniert wohl gerne in Bezug auf die Impfkampagne von einer „monströsen, dämonischen, satanischen Agenda“; gleichsam wurde Bhakdi bereits wegen Volksverhetzung und Antisemitismus angeklagt. Brüggemann macht auf Twitter Werbung für #dankefueralles; Initiator, betont er, sei er nicht. Lediglich habe er „ein paar der Videos geschnitten“.

Aus einer gewissen Tradition heraus habe ich mir schließlich eine Auswahl der Clips, wenn da doch schon Brüggemann-Schnitte dabei sind, angetan. Im Impressum steht übrigens die Regisseurin Jeana Paraschiva, die bei #allesdichtmachen einen wirklich bemerkenswerten Quatsch-Clip veröffentlicht hat.

Corona-Politik: #dankefueralles reaktiviert die Pseudo-Ironie

Von „allen“ Beziehungen, so Paraschiva, habe sie sich lossagen müssen, und sei jetzt „alleine“ die „mit Abstand beste Mutter und Ehefrau“. Umarmungen würden wegfallen, Küsse usw. Und auch die „ganz Kleinen“ müssten akzeptieren, dass Rituale und Beziehungen „so nicht mehr existieren“ dürften. Puh, oder ok, voll Satire, wie sie mit Pyjama und Kuschelhase im Altbauzimmer steht und gar nicht zu merken vorgibt, dass das keine Satire ist, sondern Fake News.

Ok, kommen wir zu #dankefueralles: „Liebe Politiker! Danke, dass ihr uns so gut durch die Pandemie gebracht habt. Ab jetzt kommen wir allein klar. Danke für alles. Am 20.3. enden alle Maßnahmen.“ Nein, die enden mit Sicherheit nicht alle, wobei der Hashtag wieder im Gegensatz zu #allesaufdentisch, zur Pseudo-Ironie zurückfindet.

Ein Video ist überschrieben mit „... weil Balabala“. Da soll offenbar auf diejenigen Akteur:innen Bezug genommen werden, die mit Künstler:innen-wollen-satirsch-sein Teil 1 schnell nix mehr zu tun haben wollten - solche Verräter:innen an der Sache aber auch. Schauspieler Ulrich Matthes, der in der Kulturzeit ganz richtig den Hobbysarkasmus als Zynismus entlarvt, wird als quasi Nestbeschmutzer eingeblendet, und am Ende darf der unverzichtbare Liefers noch voll ironisch „Danke“ sagen.

Corona-Politik: #dankefueralles assoziiert Pandemie mit Krieg

Mit „... weil versprochen“ - gemeint ist der „Freedom Day“ (übrigens ein völlig bescheuerter Ausdruck) - ist ein weiterer Clip überschrieben. Bezug ist eine Aussage des FDP-Justizministers Marco Buschmann, der „ein absolutes Ende aller Maßnahmen“ zum 20. März zugesagt hatte, und sorry, Leute. Beziehungsweise schade, liebe #dankefueralles-Initiatorin, aber Buschmann ist nicht der König von Deutschland, sondern FDP-Politiker. Da nich‘ für.

Und in „... weil vorbei“ werden Stan Laurel und Oliver Hardy ironiefrei für „Querdenker“-Zwecke missbraucht. Mit dem Text „weil auch der sinnloseste Krieg mal beendet werden muss“ ist die Aktion im tiefsten Sumpf der Corona-Verschwörer:innen angekommen, die Maßnahmen gegen die Pandemie mit Krieg assoziieren. Und bevor krakeelt wird, das sei Satire. Nein, ist es nicht. Krieg in den Kontext der Corona-Politik zu stellen, ist schlicht rechte Verschwörungsideologie und weder Übertreibung, Ironie noch Kritik. Krieg hat in diesem Zusammenhang absolut nichts verloren, und wer wissen will, was Krieg tatsächlich ist, werfe einen Blick Richtung Ukraine.

#dankefueralles: Langweilig und immer gleiche Hobby-Ironie zur Corona-Politik

Rein zappen in weitere Videos reicht, um schließlich gelangweilt zu sein von Signalfarben und einem Typomix, der die immer gleiche Botschaft transportiert: „Ab jetzt kommen wir alleine klar. Danke für alles“. Zu viel mehr Ironie reicht es auch in Teil 3 nicht, weshalb ich mir den Rest der Filmchen schenke: Schuldigkeit getan. (Katja Thorwarth)

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