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Christine Lambrechts Fall zeigt: Zweierlei Maß in der Politik

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Von: Tatjana Coerschulte

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Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD).
Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD). © AFP

Die Debatte über Verteidigungsministerin Christine Lambrecht zeigt: Frauen in Spitzenämtern werden härter beurteilt als Männer. Der Leitartikel.

Als Karl-Theodor zu Guttenberg im Spätsommer 2010 als Verteidigungsminister mit verspiegelter Pilotenbrille und schusssicherer Weste aus einer Transall-Maschine der Bundeswehr in Kundus stieg, überschlug sich die deutsche Öffentlichkeit vor Freude. Teufelskerl, dieser zu Guttenberg, cool, sportlich, modern - so wollten ihn viele sehen. Wenige fragten, ob die fachliche Leistung des CSU-Ministers denn auch so glanzvoll sei wie seine Auftritte bei der Truppe.

Das ist bei Christine Lambrecht ganz anders. Die SPD-Verteidigungsministerin ist unter Dauerbeschuss geraten wegen der Höhe ihrer Absätze, ihrer Begleitung bei Helikopter-Flügen und weil sie angeblich die Dienstgrade der Bundeswehr nicht auswendig aufsagen kann. Ist diese Ministerin fehl am Platz? Oder werden Frauen in Spitzenämtern noch immer nach anderen Kriterien beurteilt als ihre männlichen Kollegen?

Christine Lambrecht: Belangloses rückt ins Zentrum

Als Justizministerin der großen Koalition - also bis vor einem halben Jahr - hatte sich die Juristin Lambrecht den Ruf erarbeitet, versiert zu sein. Während der Koalitionsverhandlungen der Ampel im Herbst wurde die geschiedene Mutter eines Sohnes sogar als Bundesinnenministerin gehandelt. Vielleicht auch zu ihrer eigenen Überraschung wurde sie dann aber zur Verteidigungsministerin berufen. Keine drei Monate später griff Russland die Ukraine an, ihr Ressort wurde zu einem zentralen Posten im Ukraine-Konflikt.

Man hörte zu wenig von Lambrecht, dafür umso mehr über sie. Dabei wären ihre Statements als Verteidigungsministerin gerade jetzt von großem Interesse. Ist ihre öffentliche Zurückhaltung den Erfordernissen militärischer Geheimhaltung geschuldet? Oder fremdelt sie mit ihrer Aufgabe? Man weiß es nicht, und so kommt es, dass Begleiterscheinungen in den Blick rücken, die wie ihre Pumps belanglos oder wie die Helikopter-Mitflüge ihres Sohnes im Grunde nicht zu beanstanden sind.

Frauen in Spitzenpositionen werden kritischer beäugt und oft kräftiger kritisiert als ihre männlichen Kollegen, Lambrecht ist nicht die Erste, die das erlebt. Diese Erfahrung musste Annalena Baerbock machen, die als Grünen-Kanzlerkandidatin Stürme der Entrüstung auf sich zog, weil sie in ihrem Buch falsch zitiert hatte. Als Spitzenkandidatin meinte sie außerdem erklären zu müssen, dass sich im Falle ihres Sieges ihr Mann um die beiden Töchter kümmern werde. Hat man eine solche Klarstellung je von einem Mann gehört?

Christine Lambrecht: Ministerin und Mutter

Ex-Familienministerin Anne Spiegel ging kläglich in einem Hagel von Kritik unter, als sie darlegen wollte, warum sie mitten in der Flutkatastrophe mit ihren vier Kindern im Urlaub war. Ferien machte zu dieser Zeit auch Hendrik Wüst, der letzten Sommer noch Verkehrsminister des flutgeschädigten Nordrhein-Westfalen war und nun aller Voraussicht nach dessen Ministerpräsident bleibt.

Es ist unerheblich, ob Christine Lambrechts Sohn im Bundeswehr-Helikopter mitfliegt, solange sie für die Kosten aufkommt. Im Gegenteil, wenn eine Ministerin erklärt, sie sei auch Mutter, habe wenig private Zeit und auch darum den erwachsenen Sohn mitgenommen, dann ist das ein gutes Argument. Schließlich werden paritätisch mit Männern und Frauen besetzte Regierungsbänke von der Politik als Ziel ausgegeben und als Erfolg gefeiert - da kann es künftig schon vorkommen, dass man von diesen Bänken neue Töne hört.

Politik in Deutschland: Angela Merkel ließ sich gut beraten

Andererseits: Ministerin Lambrecht ist keine Anfängerin auf der politischen Bühne. Hohe Hacken beim Truppenbesuch, das ist ungeschickt und bietet Angriffsfläche. Ihrer Vorgängerin Annegret Kramp-Karrenbauer ist so etwas nicht passiert. Altkanzlerin Angela Merkel zeigte nur einmal Blöße, als sie mit tiefem Ausschnitt in Oslo zur Oper erschien. Ansonsten war es offensichtlich, dass sich Merkel in diesen Dingen beraten ließ und guten Rat auch annahm.

Christine Lambrecht sollte jetzt kraftvoll ihr Amt in den Vordergrund stellen und der Kampagne, die gegen sie gefahren wird, Fachliches entgegenhalten, so sie ihr Amt wirklich behalten will. Was die Mitnahme von Angehörigen in Bundeswehr-Maschinen angeht, war ihr im Übrigen Karl-Theodor zu Guttenberg ebenfalls voraus. Er nahm sogar Gattin Stephanie mit auf Truppenbesuch - und verkaufte das mit Glamourbildern als Erfolg. (Tatjana Coerschulte)

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