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Friedrich Merz 2021 im finalen Wahlkampfmodus.
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Friedrich Merz 2021 im finalen Wahlkampfmodus.

Kommentar

Bizarres Video zur Bundestagswahl: Fuchs Helmut Kohl sagt Hase Friedrich Merz „Gute Nacht“

  • Katja Thorwarth
    VonKatja Thorwarth
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Man denkt, der Wahlkampf ist fast vorbei und nichts kann mehr passieren. Doch dann kommt Friedrich Merz ums Eck: mit einem Videoclip aus dem Jahr 1994. Ein Kommentar.

Waren Sie schon einmal im Sauerland? Ich nicht. Daher wusste ich auch nicht, dass Iserlohn mit 92.666 Einwohner:innen die größte Stadt ist, noch vor Lüdenscheid (72.611). Das berühmteste Kind des Sauerlands dürfte Friedrich Merz sein. Der wurde im Jahr 1955 in Brilon (östliches Sauerland) geboren, wo er sich immer noch verwurzelt fühlen dürfte. Schließlich ist er dort Spitzenkandidat der Union für die Bundestagswahl 2021.

Bislang lief es ja nicht ganz so rund bei den Christdemokraten, weshalb der CDU-Mann fürs Grobe das Ruder noch herumreißen will; auf dass Armin Laschet den Kanzlerthron erklimme und Friedrich Merz einen lukrativen Ministerposten verschaffe. Daher hat Merz nun einen alten Wahlkampfclip aus dem Jahr 1994 ausgegraben, in dem Friedrich, zarte 39 Jahre jung, die Union unter Helmut Kohl als die Heilsbringer für Deutschland zu vermarkten suchte. Erfolgreich, wie man mittlerweile weiß.

Bundestagswahl 2021: Friedrich Merz ganz im Förster-Style mit Jägern im Förster-Style

„Schauen Sie mal, was mein Team und ich heute zum Abschluss des Wahlkampfes im Hochsauerlandkreis online gestellt haben! Leiten Sie das Video auch gerne an Freunde und Bekannte weiter“, heißt es stolz auf Twitter. Danke Herr Merz, allerdings schade, dass dem kleinen Filmchen kein Trigger-Hinweis vorn an gestellt ist. Denn was sich hier offenbart, ist die geballte nationalistische Volkstümmelei in ganz alter Tradition – und dies auch nur scheinbar ironisch gebrochen.

Wenn jemand auf einen Beweis gewartet hat, dass Unionspolitiker:innen keine Ironie können: Hier ist er. „In Bonn sagen die Leute, im Sauerland gibt es nur Jäger und Förster ...“, spricht Merz vor grün-flachem Panorama, links gescheitelt, auch die Krawatte mit Schattierungen in Grün, also ganz im Förster-Style. Erinnern wir uns, dass im Jahr 1994 Bonn noch Regierungssitz war – und für den Sauerländer, so wie Merz ihn zeichnet, die vorurteilsbehaftete Metropole schlechthin. „Jojo Friedrich, guten Tag Herr Merz, Heil“, grüßt ihn eine Gruppe von Herrschaften in Jägergrün. Wir gehen mal davon aus, dass das „Heil“ den Weidmann einfach verschluckt hatte. Damals war man da wohl nicht mehr so zimperlich.

Friedrich Merz ist der Hase und Helmut Kohl der Fuchs: Wahlkampf im Jahr 1994

Merz schaut ganz bedröppelt, weil: Ist ja alles voll ironisch gemeint. Die Hintergrundmusik erinnert übrigens an die der Schwarzwaldklinik, nicht dass diesbezüglich im Nachgang noch Urheberstreitigkeiten auf die Union zukommen. Plötzlich hacken lustlose Männer mit merkwürdigen weißen Kappen auf Holz herum, was sie für das Merz-Witzchen müssen, denn: „In Bonn sagen sie, im Sauerland sei die Zeit stehen geblieben“. Was folgt, ist Merz frontal, die Augen geweitet und die Lippen zusammengepresst.

Helmut Kohl als der Fuchs, der zu „Friedrich“ (CDU) „Gute Nacht“ sagt.

Das eigentliche Highlight findet sich jedoch ab Sekunde 23. Ein ausgestopfter Fuchs (vermutlich aus dem Stephen-King-Fundus geklaut) blickt hinter einem Baumstamm hervor, wackelt starren Auges mit dem Kopf und spricht: „Schlaf gut, Friedrich, und mach das Licht aus“ – und zwar mit der Stimme von Helmut Kohl. Echt.

Friedrich Merz: 1994 Herr über Jäger und Dackel

Im Vorfeld heißt es, dass die „Leute aus Bonn sagen, im Sauerland [würden] sich Fuchs und Hase ‚Gute Nacht‘“ sagen. Nun, wissen Sie, was das heißt? Helmut Kohl ist der Fuchs und Friedrich Merz der Hase. Der das Licht ausmacht. Und die Augenbrauen hochzieht. Kohl kann sich nicht mehr wehren, Friedrich Merz hingegen sieht sich und sein Sauerland, zwinkerzwinker, mit diesem Clip repräsentiert, denn: „Das Sauerland wählt CDU, und das ist kein Vorurteil.“ Stimmt, denn seit dem Jahr 1980 kommen alle Direktkandidaten (selbstverständlich nur Männer) aus dem Hochsauerlandkreis.

Die finale Einstellung zeigt Friedrich Merz in der Mitte herausragend und umringt von seinen Jägern und Förstern; die Gewehre über der Schulter, die Dackel bei Fuß.

Friedrich Merz hat im Wahlkampfclip zur Bundestagswahl 2021 ein Widerspruchs-Problem

Dann Cut und Fokus auf den neuen, den modernen Merz, den 2021-Merz. Die grünstichigen Klamotten hat er abgelegt, nicht dass es diesbezüglich noch eine Verwechslung gibt; stattdessen Politiker-Jackett mit einem Sauerland-Anstecker, designet in Schwarz-Rot-Gelb. Es habe sich seit 1994 viel verändert, das Hochsauerland sei eine „moderne Wirtschaftsregion mit Landwirtschaft, mit Forstwirtschaft. Es hat sich unglaublich viel entwickelt...“, ist Merz sichtlich angetan. Moment, war diese Hinterwäldlernummer 1994 nicht voll ironisch gemeint? Waren es nicht die Leute aus Bonn, die das Sauerland mit Vorurteilen behaftet hatten?

Um es mit H. Kohl zu sagen: War das Sauerland nicht bereits 1994 eine blühende Landschaft? Man muss hier zumindest von einem Regiefehler sprechen, weil der 2021-Merz das 1994-Sauerland als Ort markiert, indem etwas passieren MUSSTE. Nun gut, das ist Sache des Auftraggebers und seiner Produktion, jedoch will Merz mit diesem, für Sauerländer.innen sicherlich nicht unerheblichen Widerspruch in den „Deutschen Bundestag“ gewählt werden.

Bundestagswahlkampf – oder: Friedrich Merz und sein reaktionärer Way of Life

Lustig dann wieder, wie der 2021-Merz analog zu 1994 sein Clip-Finale gestaltet: Mittig und umringt von – Vorsicht, jetzt wird es wieder voll ironisch – Jägerinnen und Försterinnen. So modern ist unser Kämpfer gegen das Gender-Kartell geworden. Er hat die Herren von einst mit Frauen von heute ersetzt, und das nenne ich Feminismus ganz nach dem Geschmack der Union. Im Jahr 2021 kann man diese Nummer mit dem Herd und den vier Kindern nicht einmal mehr bei den Christdemokrat:innen bringen, entsprechend werden die Damen in die Männerrollen gestopft, beziehungsweise sie stehen ihren Mann.

Das macht insbesondere eine Frau, die ein Jagdgewehr samt Zielfernrohr und Schalldämpfer unter ihrem rechten Arm trägt, ganz so, als wollte sie Linke jagen. Aber ziehen wir keine voreiligen Schlüsse, sondern lieber ein kleines Fazit: Merz zielt ganz auf Heimatverbundenheit, auf Tradition und Blut und Boden. Unbeholfen versucht er sich in Ironie, doch spätestens, wenn Kohl als ausgestopfter Fuchs in Erscheinung tritt, kann dies als gänzlich misslungen abgelegt werden. Denn natürlich war Kohl 1994 der unbesiegbare Hüter der patriarchalen Tradition, die die Jagd schon deshalb abfeiern muss, weil die in kausalem Zusammenhang mit dem Saumagen steht.

Die Frauen in Jägerinnen-Outfit machen aus der Botschaft nichts Modernes – und schon gleich gar nichts Feministisches. Vielmehr stehen sie für den Way of life, wie ihn die Union 1994 propagiert hat. Und wenn Sie heute Abend nicht einschlafen können, weil Ihnen Fuchs Helmut „Gute Nacht“ sagt, hören Sie doch einfach die Titelmusik der Schwarzwaldklinik. (Katja Thorwarth)

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