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Sahra Wagenknecht (Die Linke)
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Sahra Wagenknecht (Die Linke)

Absturz der Linken

Bundestagswahl: Debakel für die Linke – Sahra Wagenknecht schlägt Kapital

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Nach der Pleite bei der Bundestagswahl sollte sich die Linke von Sahra Wagenknecht nichts einreden lassen. Ein Kommentar.

Berlin/Frankfurt – Das klingt schon seltsam: In Berlin feiert der Volksentscheid zur Vergesellschaftung von Wohnungen einen großen Erfolg. 56,4 Prozent der Abstimmenden sprechen sich dafür aus, den Bestand großer Konzerne in die öffentliche Hand zu überführen.

Eine einzige Partei in der Hauptstadt hat für dieses „Ja“ geworben: die Linke. Aber sie schafft es bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus nicht einmal, ihr Ergebnis von 2016 zu halten: 14 Prozent stimmen für sie, also gerade ein Viertel derjenigen, die per Volksentscheid eine ihrer Hauptforderungen unterstützen. Und bei der Bundestagswahl 2021 fährt die Linke das katastrophale Ergebnis von 4,9 Prozent ein.

Linke bei der Bundestagswahl 2021: Sahra Wagenknecht sucht Gründe für Absturz

Es gibt natürlich viele Gründe dafür, dass Wählerinnen und Wähler bei einer Ja-Nein-Frage anders abstimmen als bei der Entscheidung über ein Parlament. Aber der Unterschied zwischen inhaltlicher Zustimmung und Parteipräferenz, den es sicher nicht nur in Sachen Wohnungspolitik gibt, gibt doch Anlass zu der Frage: Warum verwandelt sich das Bedürfnis nach mehr sozialer Gerechtigkeit und besserer öffentlicher Daseinsvorsorge nicht in Stimmen für die Partei, die diese Themen in den Mittelpunkt stellt?

Sahra Wagenknecht, die Fahnenträgerin des nationalen Proletariats, wusste natürlich schon am Wahlabend Bescheid. Die schwere Niederlage habe ihren Grund darin, „dass die Linke sich in den letzten Jahren immer weiter von dem entfernt hat, wofür sie eigentlich mal gegründet wurde, nämlich als Interessenvertretung für normale Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, für Rentnerinnen und Rentner“, sagte sie im Wahlstudio der ARD.

Unterstützung erhielt Wagenknecht von zwei hyperpragmatischen Genossen, die in der gängigen Flügellogik nicht unbedingt ihrer Richtung zugerechnet werden: von Dietmar Bartsch, dem Fraktionsvorsitzenden, und Bodo Ramelow, dem Ministerpräsidenten von Thüringen.

Bundestagswahl 2021: Sahra Wagenknecht und das Normale

Wagenknecht, Bartsch, Ramelow: Diese drei werden sicher eine wichtige Rolle spielen, wenn es jetzt in der Partei ans Aufarbeiten der Niederlage geht. Und ihre Gemeinsamkeit dürfte vor allem aus einem Ziel bestehen: der Linken alles auszutreiben, was (mit Wagenknechts Wort) nach „Lifestyle“ aussieht. Ob das aber die Lösung ist für das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, muss bezweifelt werden.

Da wäre zum Beispiel die Frage, was das in einer bunten Gesellschaft, in Zeiten des schwindenden „Normalarbeitsverhältnisses“ und immer neuer prekärer Beschäftigungsformen eigentlich sein soll: „normale Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“. Es kann Sahra Wagenknecht und anderen in der Linkspartei sicher nicht einfach angedichtet werden, ihr Heil in der Nachahmung völkischen Gedankenguts zu suchen. Aber sie sollten schon sehen (und sehen es wohl auch), dass das Hantieren mit einem Begriff wie „normal“ allzu sehr an den Hauptslogan aus dem AfD-Wahlkampf erinnert: „Deutschland. Aber normal“.

Bundestagswahl 2021: Die Strategie der Sahra Wagenknecht

Hinter dieser Strategie steckt das Gegenteil dessen, was Susanne Hennig-Wellsow und Janine Wissler seit ihrer Wahl an die Parteispitze begonnen haben: den vermeintlichen Widerspruch zwischen den Plädoyers für soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Vielfalt in einer Weise aufzulösen, die der Realität in diesem Land entspricht.

Auch jetzt sollte es den Rechten überlassen werden, zwischen einer alleinerziehenden lesbischen Solo-Selbständigen und einem braven Malocher eine unüberbrückbare Differenz zu konstruieren. Eine Partei, die sich links nennt, wird auf Dauer untergehen, wenn sie ihren zentralen Anspruch – Emanzipation – nicht auf alle bezieht, die in dieser Gesellschaft benachteiligt und/oder vernachlässigt werden.

Es mag ja sein, dass manch ein angestellter Elektriker oder manch eine Kassiererin mit 20-Stunden-Job kein Ohr haben für die Nöte studierter Pädagoginnen ohne Arbeit oder Schwarzer Studenten mit Diskriminierungs-Erfahrung. Aber zum einen wäre es unverschämt, diese Blindheit allen „normalen“ Beschäftigten zu unterstellen. Zum anderen wäre es die Aufgabe einer emanzipatorischen Linken, mit unermüdlichem Werben um Auflösung dieses vermeintlichen Widerspruchs die „soziale Frage“ in all ihren Dimensionen zu stellen.

Sahra Wagenknecht hat erheblichen Anteil an der Niederlage der Linken bei der Bundestagswahl 2021

Wenn nicht alles täuscht, haben Hennig-Wellsow und Wissler genau das versucht. Dass das trotz „richtiger“ Themen so desaströs schiefgegangen ist, muss nicht daran liegen, dass es die grundfalsche Strategie gewesen wäre.

Zum einen sind sie – wegen des durch Corona verzögerten Wechsels an die Parteispitze – schlicht zu spät gekommen, um sich entsprechend zu profilieren. Zum zweiten hat sich vor allem Wissler bisher nicht von einer Sprechweise lösen können, die mehr an die Demo-Rede einer routinierten Aktivistin erinnert als an einen Ton, der auch noch nicht Überzeugte erreicht. Zum dritten aber hat gerade Sahra Wagenknecht erheblichen Anteil an der Niederlage: Sie hat den konstruierten Widerspruch zwischen „Lifestyle“ und „normal“ immer wieder gegen die beiden Frauen an der Spitze ins Spiel gebracht – nicht mehr frontal gegen sie wie zuvor gegen Kipping, aber in deutlicher Abweichung von dem Versuch, den vermeintlichen Widerspruch zu überwinden.

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Es ist schon ganz schön anmaßend, dass Wagenknecht das Desaster erst mit ihren spaltenden Thesen mitverursacht hat und jetzt diejenigen verantwortlich macht, die ihr nicht zu hundert Prozent gefolgt sind. Der Volksmund hat da einen alten Spruch parat: Gemein ist, dem Großvater erst gegen die Brille zu spucken und dann zu fragen „Opa, warum heulst du?“ Links geht anders. (Stephan Hebel)

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