Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Handelspakt

Brexit in Großbritannien: Mit faulen Versprechen vollends verrannt

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
    schließen

Der kurz vor knapp verhandelte Brexit-Deal ist kein Happy End für die Saga. Das politische Dauertheater hinterlässt dauerhafte Schäden. Der Leitartikel.

  • An dem ganz und gar unangenehmen Ereignis Brexit haben bis zuletzt nur Wenige Gefallen gefunden.
  • Der Brexit-Deal lässt den brutalstmöglichen Neoliberalen genug Spielraum für krumme Geschäfte.
  • Britischen Unis gehen jährlich 200 Millionen Pfund und nicht zu bezifferndes geistiges Eigentum flöten.

Die BBC vermerkte am 24. Dezember um 10.41 Uhr auf ihrer Website: „It wouldn’t be Brexit without a little last minute haggling…“ Es wäre nicht Brexit ohne Geschacher bis zum Ende.

Brexit: Boris Johnson gibt mal wieder den Angeber

Darin steckt all die Bitternis der 1645 Tage seit dem britischen EU-Austrittsreferendum, all die Verdrossenheit einer Nation von einstmals Weltrang, die zu spät erkannt hat, dass sie von der Schamlosigkeit und Geltungssucht einer angeblich „konservativen“ Polit-Kaste ruiniert wird. Es liegt auch darin der augenzwinkernde, nicht unterzukriegende schwarze Humor, für den alle Welt Großbritannien auf immer lieben und verehren wird.

Comedians, bleibt bei euren Witzen? Das wäre wohl der bessere Rat gewesen, bevor diese elenden viereinhalb Jahre begannen, an deren Ende nun niemand mehr mit egal was zufrieden sein kann. Aber, mag man einwenden, es gibt doch keinen No Deal? Nach dem Großbritannien von der EU genau so behandelt wird wie Afghanistan? (Boris Johnsons Angabe, man werde so gut „wie Australien“ dastehen, war wie üblich Angeberei.)

Mit der Gewissheit, dass nun Ordnung mit Brief und Siegel zwischen Insel und Kontinent herrscht, mögen sich die meisten von dieser unappetitlichen Episode des Zeitgeschehens abwenden. Das sei ihnen auch gegönnt. Nur die Brexiteers fanden jemals Gefallen an diesem unwürdigen Treiben, und diese Kriegsgewinnler haben sich die Verachtung und Abscheu der restlichen Welt verdient.

Muss die Kritiker seines Brexit-Deals noch überzeugen: Boris Johnson

Brexit-Deal lässt den Neoliberalen genug Spielraum für krumme Geschäfte

Nicht, dass das diese Leute im Mindesten kümmern würde. Dass ein Teil von ihnen tut, als gebe es einen Endsieg zu feiern, und der andere, als wäre nun die Zeit blutiger Abrechnung in den eigenen Reihen gekommen (leider betrifft das auch die suizidale sozialdemokratische DNA der Labour-Opposition), sollte als Warnung reichen: Wir haben die Brexit-Fantasy beileibe nicht verlassen.

Für die Riege kapitalistischer Freibeuter und Flintenweiber in England beginnt der Spaß jetzt erst. Jetzt, wo man den Brexit aus dem Weg hat. Der ausgedealte Handelsvertrag lässt diesen brutalstmöglichen Neoliberalen genug Spielraum für krumme Geschäfte. Europa wird sich noch umschauen müssen.

Und so die EU nicht gleich beginnt, England einzuhegen, indem sie ihm die schottische und nordirische Peripherie abspenstig macht, hat sie praktisch nur ein Mittel, um das schmutzige Spiel zu bremsen: Das mag zwar nach Thriller klingen, aber jetzt ist eine aggressiv aktiv, nicht reaktive wirtschaftskriminalistische Sonderkommission innerhalb der Eurokratie gefragt. Vielleicht kein europäischer James Bond „with a license to kill“ – Pardon: „avec le permis de neutraliser“ –, aber nahe dran.

„It wouldn’t be Brexit without a little last minute haggling…“

Brexit: Unis gehen jährlich 200 Millionen Pfund und geistiges Eigentum flöten

Hier soll nun ein Aspekt des Post-Brexit erwähnt werden, der oft (und besonders oft in Politik- oder Wirtschaftsredaktionen) hinten runterfallen wird: das Geistesleben.

Das ist nicht so wichtig wie zollfreier Handel und Regularien gegen Schmuggel von Ramsch in die EU oder zweifelhafte Finanzdienstleistungen? Von wegen. Der internationale Austausch von Wissen, das gegenseitige „Befruchten“ über Länder- und Kulturgrenzen hinweg, hat alle Beteiligten auf Generationen hinaus weitergebracht.

Man darf das ruhig auch als Hauptgrund dafür anführen, dass es nach nur einem Jahr schon überhaupt Impfstoffe gegen Corona gibt. Ohne den Input europäischer und US-Wissenschaften, würden Russland und China heute noch das Virus als Ammenmärchen des Westen abtun (auch müssen, weil sie ihm nichts als Propaganda entgegensetzen könnten).

Großbritannien aber katapultiert sich in vier Tagen aus dem akademischen EU-Austauschprogramm „Erasmus“ heraus, weil das „zu viel kostet“. Fakt ist, britischen Unis gehen dann jährlich 200 Millionen Pfund und nicht zu bezifferndes geistiges Eigentum flöten.

Brexit: Boris Johnson wird Oxford und Cambridge hoffentlich nicht zu Trump-Unis degradieren

Und die 15.000 Studierenden (von den Azubis ganz zu schweigen), die jedes Jahr sich in Europa die Perspektive erweitern konnten? Die will Boris Johnson mit einem allein gestemmten Programm „an die besten Universitäten der Welt“ vermitteln. Als ob das bis jetzt nicht möglich gewesen wäre (es war zudem billiger, weil Europa gemeinsam zahlte).

Wenn er nicht Oxford und Cambridge zu „Trump-Unis“ degradiert, die Geld einsacken, teure Diplome drucken und nichts lehren oder forschen, dann wird er durch den vertraglich gesicherten Isolationismus Großbritannien zumindest aus dem akademischen Diskurs der Welt verbannen. Ziemlich un-cool, Britannia. (Peter Rutkowski)

Rubriklistenbild: © Dominic Lipinski/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare