1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kommentare

Der Tunnel von Lützerath – Im Untergrund über dem Gesetz

Erstellt:

Von: Christian Thomas

Kommentare

Die letzten beiden Aktivisten gegen den Braunkohletagebau Garzweiler hatten sich unter der Erde verschanzt. Einige Bemerkungen zum Tunnel von Lützerath.

Abbruchkante Lützerath, das ist nicht verborgen geblieben, ist vielfach zu einem Symbol geworden. Was man sehen konnte, scheint Folgen zu haben, vermutlich nachhaltige. An der Abbruchkante von Lützerath, am Rand der Grube Tausende, als handelte es sich bei ihr nicht um einen lebensgefährlichen Abgrund – von dem sie selbst ja auch so berichteten. Jedenfalls dann, wenn sie über den Braunkohletagebau sprachen, den durch ihn hintertriebenen Klimaschutz.

Tausende an der von Dauerregen aufgeweichten Kante eines Kohleabbaukraters, aus Überzeugung, aus Weitsicht, Verantwortungsgefühl, aus Fahrlässigkeit, aus Neugier, aus Trotz, Leichtsinn? Unter den vielen Fragen war es keine Frage, dass es durch Menschen und vor allem Vertreterinnen und Vertreter einer Generation geschah, die aufs Ganze zu gehen bereit sind. Deshalb der Schritt bis an die Abbruchkante, symbolisch sowieso, aber mehr noch lebensgefährlich.

Die beiden letzten Lützerath-Besetzer nach dem Verlassen des Tunnels.
Die beiden letzten Lützerath-Besetzer nach dem Verlassen des Tunnels © Ina Fassbender/afp

Beides allerdings auch furchterregend. Sollte es das nicht sein, zum Fürchten, fehlte ein Instinkt, kein ausdrücklich politischer, aber ein Reflex gegen Angstmache, praktisch so etwas wie der Widerstand gegen Endzeitstimmungen. Auch sie mehr selbstgemacht als selbstbestimmt.

Zwei vermummte Menschen aus einem Erdloch

Im Loch Was zu sehen war, war so gut wie nichts, kaum mehr als der Eingang zu einem Tunnel, in den sich ein Körper zwängte, kopfüber, die Beine in einer ausgebleichten Hose. Das Foto, das nicht viel zeigte, war dennoch ein Auslöser für beklemmende Vorstellungen. Auf einem anderen Foto zwei vermummte Menschen aus einem Erdloch, mit Helmen, den beiden zur Linken ein Blumenstrauß. Nicht weniger irritierend ein ausgehebelter Fensterflügel auf der anderen Seite.

Das Foto ein Dokument über das Ausharren im Untergrund von Lützerath, ohne Bewegungsspielraum, eingezwängt von Braunkohle, wie man sich denken konnte, denn ihretwegen tobte während der letzten Tage der Konflikt. Nicht das erste Mal, dass Menschen auf diese Weise nicht nur Bäume enterten, sondern unter die Erde gingen. Auch im Hambacher Forst geschah das, und auch hier bereits nach Vorbildern, notdürftig präpariert, mit mehreren Dosen Ravioli, einem Wasserkanister. Die Vorräte reichten, so war zu lesen.

Und woraus waren die Motive gemacht? Waren sie radikal, waren sie abenteuerlich, waren sie aufrichtig? Sicherlich getrieben durch eine unbeirrbare Überzeugung, war es nicht mehr derjenige Glaube wie der von Menschen, die sich, aus Opposition gegen die Gesellschaft ihrer Zeit, in Höhlen verkrochen. Als erklärte Feinde der Zivilisation, als Andersgläubige, die an die Welt, wie sie Politik bereitstellte, aber auch die Kirche, nicht glaubten, deshalb allem absagten, mit der einen Ausnahme, dass sie dem Glauben an die letzten Tage der Menschheit anhingen. Davon überzeugt, dass der jüngste Tag unmittelbar bevorstehe, nahm dieser Gedanke Gewalt an über ihre gesamte Gedankenwelt. Also hatte man auch nichts mehr zu verlieren. Lange her diese Hochphase der Eremiten, es war die Zeit der Neuzeit, eine Epoche der Endzeitstimmung.

„Aufzeichnungen aus einem Kellerloch“

Am Montag zogen die beiden Tunnelbesetzer aus ihrem Gehäuse aus, zwei Vermummte, in die Kameras winkend. Nichts (bisher) weiß man über ihre Motive. Das, was man über die mönchisch motivierten und mönchisch lebenden, die eschatologischen Erdlochaktivisten seit ein paar Jahrhunderten weiß, ist immerhin so viel, dass es erschreckend ist. Eigentlich zum Weglaufen.

Polizei und Einsatzkräfte der Feuerwehr vor dem Eingang eines Gebäudes in Lützerath, in dem sich zwei Aktivisten in einem Tunnel verschanzt haben
Polizei und Einsatzkräfte der Feuerwehr vor dem Eingang eines Gebäudes in Lützerath, in dem sich zwei Aktivisten in einem Tunnel verschanzt haben © Thomas Banneyer/dpa

Zynismus Erneut „Aufzeichnungen“ nannte Fjodor M. Dostojewski eine Erzählung, nicht „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, wie einen seiner berühmten Romane 1862, sondern zwei Jahre später „Aufzeichnungen aus einem Kellerloch“, ein nicht weniger bekanntes Werk, auf Deutsch auch als „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ veröffentlicht, gelegentlich als erster „existentialistischer Roman“ bezeichnet, denn die Absage an die Welt und Gegenwart las sich als der zweifellos radikale Selbstentwurf einer eigenen Existenz, einer selbstbestimmten. Oder einer nur selbstherrlichen?

Hausend in einem Kellerloch, wird in der Erzählung wahrhaftig ein Kristallpalast zum Kontrastbild, zum Objekt der Empörung, der Weltausstellungspalast im London des Jahres 1851 zum Symbol von moralischer Verworfenheit und gesellschaftlicher Verfehlung. Obwohl das schiere Gegenteil eines total überholten Technologiekonzepts wird Londons Crystal Palace zur Allegorie einer entseelten Moderne, eines entseelenden Materialismus, einer „Aufschneiderei und von den Naturgesetzen überhaupt nicht vorgesehen“.

Erdlocheremiten und Untergrundrevolutionäre

Diese Aggression gegen das vermeintlich Widernatürliche und Verschwörerische des Crystal Palace wurde dem Protagonisten Dostojewskis zum Anlass erheblicher Autoaggressionen, zum Beweggrund für eine gezielte Selbsterniedrigung, um in einem Kellerloch eine zynische Existenz ausleben zu können – eine nihilistische. Im Russland der 1860er Jahre war diese Totalabsage wegen der Existenz nicht weniger Erdlocheremiten und Untergrundrevolutionäre nur zu präsent.

Lüzerath ist wahrhaftig kein Literaturstandort – erst recht kein russischer Gedächtnisort. Aber auf der Suche nach symbolträchtigen Bildern waren zwei Matadore offensichtlich aus auf eine ultimative Allegorie. Eine Allegorie, aus der beide dann, anders als während der Despotie in Russland, durch Rettungskräfte eines Rechtsstaats befreit wurden. Zu sehen ein Bild, wie die letzten Besetzer von Lützerath, der Blumenstrauß mittlerweile verwelkt, der Rucksack schwer, ans Tageslicht treten, zwei Vermummte. Beide prüfen kurz den Schlauch, den das THW ihnen legte, für die Luftzufuhr unter Tage, ihnen so etwas wie Strohhalm. Kein Ringen mit der Polizei, nicht einmal eine Rangelei, keine Handschellen, freies Geleit. Zwei Maskierte, der eine in einem Kampfanzug, ähnlich dem der Soldaten in den Katakomben des Asowschen Stahlwerks in Mariupol, von den russischen Truppen tödlich belagert, im Mai 2022 grauenvoll gestürmt.

Lützerath doch ein Gedächtnisort, um auf die entsetzliche Lage in der Ukraine hinzuweisen? Zu Lützerathzeiten etwa auf Bachmut, wo hunderte Menschen in Kellern Schutz suchen, unter der Erde verharren, ohne Helme, ohne einen Blumenstrauß. Seitdem nicht erlöst durch Symbole oder Allegorien, denn diese sind machtlos gegen die Allgewalt der russischen Despotie.

Lebensrettendes Loch mit dem umtosten Podest eines Protests

Verborgen „Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ war der Titel eines Buches, das 1948 erschien, zugeschrieben einem Jakob Littner, bis 1991 Wolfgang Koeppen erklärte, die Leidensgeschichte eines deutschen Juden, „in Ghettos, Vernichtungslagern gequält“, sei eine von ihm verfasste Erzählung, ihm im Winter 1946/47 anvertraut von einem Überlebenden, der an „Erschießungsgräben“ Zeuge des Massenmords wurde, dennoch überlebte wie durch ein Wunder – verborgen in einem Erdloch: „Man musste sich hinuntertasten. Wir zögerten. Es war ein Einstieg in die Unterwelt. Aber wir mussten hinab. Es war unser Loch. Es war unser Versteck. Es war unsere Rettung.“

Allein der Gedanke, dass das durch Koeppen erzählte Schicksal des Jakob Littner auch nur irgendetwas mit dem Tunnel von Lützerath zu tun hätte, das lebensrettende Loch mit dem umtosten Podest eines Protests, wäre obszön. Dennoch im Ohr die Gleichsetzungen von Rechtsstaat und Diktatur während der letzten Wochen und Monate gerade von solchen Schrittmachern der „Letzten Generation“, die sich über dem Gesetz stehend wähnen wie immer schon alle Propheten. (Christian Thomas)

Auch interessant

Kommentare