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Olympia in China: Beschädigte Spiele

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Von: Andreas Schwarzkopf

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Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele 2022.
Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele 2022. © Michael Kappeler

Selten widersprachen Wettkämpfe den olympischen Idealen so sehr wie jene in China. Dafür sind das IOC und Peking verantwortlich. Der Leitartikel.

Peking – Selten haben Olympische Winterspiele die Ideale der Wettkämpfe so wenig verwirklicht wie die in China. Das Internationale Olympische Komitee versuchte mit den chinesischen Olympiaplanern krampfhaft, einen Hort der Glückseligkeit zu erschaffen. Das gelang ihnen nicht. Das verhinderten nicht nur Medienberichte über die Diktatur, die eine gewaltige Überwachungsmaschinerie betreibt, Proteste gewaltsam niederschlägt und reihenweise Leute einsperrt, weil sie im Journalismus oder in der Wissenschaft arbeiten.

Vielen Athletinnen und Athleten fehlte in Peking das Olympia-Flair, wie sie es noch 2018 in Pyeongchang und 2014 in Sotschi erlebt hatten. Ließ sich noch das ganze Land von den Sommerspielen 2008 mitreißen, begegneten viele Chinesinnen und Chinesen den Winterspielen 2022 mit wohlmeinendem Desinteresse. Verantwortlich dafür sind nicht nur die strengen Corona-Regeln, sondern auch, dass die Verantwortlichen nur linientreue Chinesinnen und Chinesen zu den Wettkämpfen zuließen.

Olympische Idee beschädigt: China richtete ihn schon beim Entzünden des olympischen Feuers an

Die Veranstalter haben die olympische Idee auch beschädigt, als sie die Uigurin Dinigeer Yilamujiang das olympische Feuer entzünden ließen, obwohl Peking Uigurinnen und Uiguren in Xinjiang brutal diskriminiert und unterdrückt. Dazu passte die denkwürdige Pressekonferenz, in der offizielle Berichte der Regierung die Menschenrechtsverletzungen als „Lüge“ bezeichneten.

Statt Fotos von einem Fest der Völkerverständigung wird wohl eher das Bild der russischen Eiskunstläuferin Kamila Walijewa erinnert werden. Die 15-Jährige war positiv auf verbotene Substanzen getestet worden. Das Schiedsgericht für Sport erlaubte ihr trotzdem, an der Kür teilzunehmen, die aber katastrophal verlief und sie aus dem Rennen um eine Medaille warf.

Fehlende Schärfe beim IOC-Chef: Olympia-Horror für Kinder wie Kamila Walijewa

IOC-Chef Thomas Bach reagierte wie so oft nicht scharf genug. Er kritisierte zwar Walijewas Trainerin Eteri Tutberidse dafür, dass sie ihrem weinenden Schützling mit Kälte und Kritik begegnete, statt zu trösten. Auch will Bach eine Altersgrenze im Spitzensport und besonders bei den Olympischen Spielen prüfen lassen. Doch das würde nichts daran ändern, dass nicht nur Russland, sondern auch andere Nationen schon Kinder zu Höchstleistungen drillen.

Der Fall Walijewa zeigt aber auch, dass Doping noch immer virulent ist. Zwar gab es in jüngster Zeit weniger spektakuläre Schlagzeilen. Doch liegt das eher daran, dass die Kontrolleurinnen und Kontrolleure während der Corona-Krise Athletinnen und Athleten nicht so überprüfen konnten, wie sie das sollten. Im Fall des Wiederholungstäters Russland sollte darüber nachgedacht werden, die auslaufende Sperre für den russischen Verband zu verlängern.

Olympische Winterspiele vor sommerlichen Hängen: Eine Mahnung an für Nachhaltigkeit

Eine Mahnung für mehr Nachhaltigkeit von Olympischen Spielen sollten auch die Bilder sein von braun-grünen Hängen des Nationalparks Yanqing Songshan. Mit Kunstschnee wurden ein paar dünne weiße Linien gemalt, auf denen die Skiwettbewerbe stattfinden. In der Region schneit es im Normalfall etwa fünf Zentimeter – pro Jahr.

Ähnliches gilt für den Gigantismus, den die milliardenteure Bobbahn genauso symbolisiert wie die Big-Air-Schanze auf dem Gelände eines aufgelassenen Stahlwerks, dessen graue Kühltürme mit den olympischen Ringen dekoriert waren.

Jetzt müssen die richtigen Lehren aus China 2022 gezogen werden

Werden nicht die richtigen Lehren aus den Verfehlungen der Winterspiele in China gezogen, dürfte auf Dauer nicht nur die olympische Idee beschädigt werden. Alles in allem wirken die Olympischen Spiele nicht nur wegen des Gigantismus oder wegen der nicht ausreichenden Nachhaltigkeit überdimensioniert. Ja, sie passen damit immer weniger in die Zeit.

Künftige Ausrichter von Winterspielen müssen sich ohnehin noch mit den Folgen des Klimawandels beschäftigen. Denn die Schneefallgrenze steigt zunehmend. Schon in wenigen Jahren werden Regionen, in denen heutzutage Wintersport möglich ist, dafür wohl kaum noch infrage kommen.

Bei der Kritik an Olympia sind alle gefragt: Hohe Erwartungen an Frankreich und die USA

Um die verschiedenen Probleme stärker als bisher anzugehen und vielleicht sogar zu lösen, bedarf es eines Sinneswandels bei vielen Beteiligten, nicht nur des IOC oder dessen Chefs Bach. Auch die Unternehmen müssen ihren Teil dazu beitragen. Zu viele Konzerne kritisierten unter anderem wegen des Werbeeffekts vor den Spielen in China weder das IOC noch die chinesischen Planer für die sich abzeichnenden zahlreichen Fehlentwicklungen.

Außerdem gilt: Nach den Spielen ist vor den Spielen. Frankreich und die USA können und müssen bei ihren Spielen 2024 und 2028 zeigen, ob sie aus der Kritik an den Winterspielen in China die richtigen Schlüsse ziehen können. (Andreas Schwarzkopf)

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