Meinungsstreit gehört zur lebendigen Demokratie. Aber nicht die Unterstellung, dass Medien per se im Auftrag von Angela Merkel, fremden Staaten oder finsteren Mächten unterwegs seien.
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Meinungsstreit gehört zur lebendigen Demokratie. Aber nicht die Unterstellung, dass Medien per se im Auftrag von Angela Merkel, fremden Staaten oder finsteren Mächten unterwegs seien.

Leitartikel

Bedrohte Medien

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Diese Gesellschaft braucht kritischen und konstruktiven Journalismus so sehr wie nie. Denn Desinformation gefährdet das friedliche Zusammenleben. Der Leitartikel.

Das friedliche demokratische Zusammenleben ist in Gefahr. Es wird bedroht durch bewusste Desinformationen und fahrlässig geteilte Falschinformationen, die ein Ausmaß erreicht haben wie noch nie in der Geschichte jenseits von Kriegszeiten. Diese Destabilisierung geht täglich und in Internetzeiten sogar sekündlich voran. Dagegen hilft nur ein Anker zuverlässiger Information und Einschätzung. Und noch mehr: die Glaubwürdigkeit der Medien. Renommierte Zeitungen, öffentlich-rechtliche Sender und seriöse Internetportale versuchen dem gerecht zu werden. Auch die Frankfurter Rundschau. Seit 75 Jahren.

Die Sehnsucht nach verlässlicher Information war 1945 in Deutschland ausgeprägt, als die Erinnerung an den nationalsozialistischen Terror und die Lügen der Kriegspropaganda noch frisch war. Sehnlichst hatten die Menschen darauf gewartet, wieder verlässlich informiert zu werden. „Zwölf Jahre lang war unser Leben beherrscht von der Lüge des Goebbels’ und seiner Kreaturen“, schrieben die Herausgeber der Frankfurter Rundschau zum Geleit der ersten Ausgabe im Jahr 1945. Seither hat die Frankfurter Rundschau als Teil einer vielfältigen deutschen Medienlandschaft die Entwicklung beschrieben, analysiert und kommentiert. Wahrheitsgemäße Berichterstattung ist dabei stets eine Selbstverständlichkeit gewesen – natürlich ohne Anspruch auf Unfehlbarkeit.

Medienschaffende sind in die Defensive geraten. Dabei ist ihre Rolle für die Gesellschaft so produktiv, wie das in der Nachkriegszeit erhofft worden war. Keine Panama Papers, kein Cum-Ex-Skandal, keine CDU-Spendenaffäre, kein „NSU 2.0“ wäre ans Tageslicht gekommen ohne Medien als „vierte Gewalt“. Journalistinnen und Journalisten kontrollieren die Mächtigen.

Genauso wichtig ist, dass sie die Flut der Informationen sortieren, jeden Tag aufs Neue. Was debattieren die Parlamente, wie gelungen sind die Theater-Premieren, was geht vor Ort im Stadtteil vor sich? Zeitungen und Sender schaffen ein gemeinsames Wissen und regen Debatten an, was enorm zum Zusammenhalt der Gesellschaft beiträgt. Diese Funktion geht immer mehr verloren, je mehr die Medienwelt zersplittert. Hier entsteht Raum für gefährliche Desinformations-Kampagnen, für die es dramatische Beispiele gibt – von der Flüchtlingspolitik bis zu Corona-Demonstrationen.

Medien sehen sich heute einer doppelten Bedrohung ausgesetzt: Sie müssen gleichzeitig eine wirtschaftliche Krise und eine Glaubwürdigkeitskrise bestehen. Ihr wirtschaftliches Fundament wird durchgerüttelt, seit eine Umsonst-Kultur im Internet die Finanzierung von journalistischen Leistungen erschwert.

Zugleich rührt eine systematische Hetze gegen Medienberichterstattung an den Grundfesten ihrer Glaubwürdigkeit. Diese Hetze wird nicht nur von rechten und rassistischen Personen und Gruppen in Deutschland und darüber hinaus betrieben, sondern teilweise sogar von Staaten unterstützt, etwa von Russland und zuletzt vier Jahre lang von einem US-Präsidenten. Ihr gemeinsames Ziel lautet Destabilisierung der Demokratie. Gerade deswegen sind Demokratinnen und Demokraten aufgerufen, die Freiheit der Presse gegen solche Angriffe zu verteidigen.

Das bedeutet keineswegs, die Berichterstattung kritiklos zu verfolgen. Im Gegenteil. Meinungsstreit gehört zur lebendigen Demokratie. Aber nicht die Unterstellung, dass Medien per se im Auftrag von Angela Merkel, fremden Staaten oder finsteren Mächten unterwegs seien.

Medienbildung gehört zu den wichtigsten Herausforderungen dieser Zeit. Wer die Demokratie gegen Fake-News-Apologeten verteidigen will, muss Menschen in die Lage versetzen, genauer hinzusehen, wie seriös ihre Quellen sind.

Niemand sollte dabei blind sein für die Verwerfungen, die es unzweifelhaft gibt. Die wirtschaftliche Notlage vieler Verlage führt zu immer mehr Zusammenarbeit, auch zwischen Redaktionen. Medienvielfalt geht verloren und damit die produktive Konkurrenz zwischen Medien vor Ort, die eine wirksame Kontrolle der lokalen Politik ermöglicht. Die Entwicklung in den USA kann als warnendes Beispiel dafür gelten, wohin das führen kann.

Medien dürfen sich nicht wegducken, wenn es darum geht, eigene Schwächen zu erkennen. Der Skandal um die NSU-Morde hat etwa gezeigt, dass sich Medien zu sehr auf die offiziellen Informationen verlassen hatten.

Es gibt weitere systematische Probleme. Schlechte Nachrichten dominieren die Berichterstattung. Natürlich sind Krieg und Terror wesentliche Ereignisse, die nicht aus Sehnsucht nach guten Nachrichten verschwiegen werden können. Aber Medien, auch die FR, sollten die Wirklichkeit, die Menschen erleben, realistischer abbilden. Für solch konstruktiven Journalismus steht die „Mutmacher“-Serie zum 75-jährigen Bestehen der FR.

Diese Gesellschaft braucht kritischen und konstruktiven Journalismus so sehr wie nie. Die FR wird weiter ihren Teil dazu beitragen.

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