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Eine leere Zeil in Frankfurt während des Lockdowns im Januar.
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Eine leere Zeil in Frankfurt während des Lockdowns im Januar.

Leitartikel

Corona-Anstieg in Deutschland - ohne Lockdown zurück in die Schule?

  • Michael Bayer
    VonMichael Bayer
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Die Corona-Inzidenzen gehen nach oben, aber von Lockdown ist erst einmal nicht mehr die Rede. Was muss geschehen, damit der Großversuch gelingt? Der Leitartikel.

Ein wenig irritierend ist es schon, wie gelassen Deutschland diesmal damit umgeht, dass sich in kurzer Zeit immer mehr Menschen mit Corona infizieren. Am Donnerstag waren es 9280 Fälle, am Wochenende lagen sechs Bundesländer mit ihrer Sieben-Tage-Inzidenz über 50, Nordrhein-Westfalen steht vor der Dreistelligkeit.

Klar, Politik und Fachleute haben sich vorgenommen, den bisherigen Automatismus zu beenden: Steigende Werte münden nicht mehr zwingend in einen Lockdown. Stattdessen sollen dort, wo das Virus leicht überspringen kann, Regeln dafür sorgen, dass Infizierte fernbleiben. In Pflegeheimen und Innengastronomie, beim Haareschneiden und im Fitnessstudio sind Tests vorzuweisen, Impfzertifikate oder Bestätigungen für überstandene Covid-Erkrankungen.

Corona ohne Lockdown: mutig, richtig - aber auch riskant

Das ist ein mutiger Großversuch. Und ein riskanter. Wenn zu viele Menschen erkranken, ließe sich die Entwicklung nur mit sehr massiven Einschränkungen zurückdrehen, wenn überhaupt. Dennoch ist der Schritt richtig. Die Zeit dafür ist dank der Corona-Impfstoffe gekommen.

Zentral ist jetzt, dass sich Politik und Wissenschaft genauso wie die Bürgerinnen und Bürger darüber im Klaren sind, wie entscheidend die aktuelle Phase ist. Fachleute müssen fortlaufend nach Schwachpunkten in der Umsetzung suchen, Bund und Länder gebenenfalls zügig gegensteuern. Und die Neuinfektionen als frühen Indikator nicht komplett aus den Augen verlieren. Denn immerhin geht diese Kurve wesentlich früher und schneller nach oben als im Vorjahr, als vergleichbare Inzidenzen erst im Oktober erreicht wurden.

Um konkrete Reaktionen ableiten zu können, ist es wichtig, stets die Altersverteilung zu beachten. Dabei zeigt sich laut Robert-Koch-Institut (pdf): Es infizieren sich zunehmend jüngere Menschen. Betrug der Mittelwert Anfang des Jahres noch 49 Jahre, liegt er aktuell bei 27 bis 28 Jahren. In den Krankenhäusern sank der Mittelwert von 77 auf 47 Jahre. Corona schlägt also in jenen Altersgruppen besonders zu, in denen es noch viele Ungeimpfte gibt. Das ist die Grundlage der These: Wer sich nicht impfen lässt, wird sich infizieren.

Corona-Infektionen bei Jugendlichen explodieren mit dem Schulbeginn

Das betrifft neben jungen Erwachsenen vor allem Kinder und Jugendliche. Hier stehen wir an einer entscheidenden Schwelle: dem Ende der Sommerferien. In Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Berlin steigen die Infektionen der Fünf- bis 15-Jährigen ganz massiv. Es ist richtig, dass viele Kinder und Jugendliche selten über schwere Krankheitsverläufe klagen. Genauso richtig ist aber auch, dass noch offen ist, wie es mit Long-Covid-Folgen aussieht.

Besonders viele Kinder und Jugendliche infizieren sich aktuell in Nordrhein-Westfalen. Das ist ein Fall fürs genaue Hinsehen. Ein Ansatzpunkt könnte eine Regelung der Landesregierung sein, nach der Schulkinder automatisch als getestet gelten – selbst dann, wenn sie krank zu Hause bleiben und nicht im Klassenzimmer gecheckt werden.

Die Ständige Impfkommission rang sich erst kürzlich zu einer Empfehlung für die Gruppe der Zwölf- bis 17-Jährigen durch. Dass gleich anschließend die Nachfrage sprunghaft anstieg, zeigt, wie viele Eltern darauf gewartet haben. Wertvolle Zeit ging also verloren. Weil ein vollständiger Impfschutz frühestens nach sechs Wochen entsteht, reicht es nirgendwo bis zum Schulstart.

Impfungen direkt in der Schule, wie sie Mecklenburg-Vorpommern bereits anbietet, können hier Tempo bringen. Sie sollten so organisiert sein, dass Anonymität und Freiwilligkeit gewahrt bleiben.

Corona-Auffrischimpfungen für Ältere angebracht

Auch auf unsere Alten müssen wir wieder schauen. Zu klären ist, wie lange ihre Impfungen wirken. Denn sie waren zuerst dran, und Vorerkrankungen – in dieser Personengruppe eher die Regel als Ausnahme – könnten den Schutz verkürzen. Es ist richtig, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) das Thema Corona-Auffrischungsimpfungen für Ältere angeht. Ob und wann sie für andere Gruppen angemessen sind, gilt es noch zu erforschen.

In diesem Zusammenhang: Möglicherweise gehört zu der intensiven fachlichen Begleitung der neuen Corona-Phase, die Menschen weniger pauschal einzusortieren - und vermehrt zu prüfen, wer wie viele Antikörper in sich trägt. Denn die Frage, wie schnell die Schutzwirkung nachlässt, stellt sich insbesondere auch bei jenen, die von Covid-Erkrankungen genesen sind – und die übrigens derzeit pauschal für ein halbes Jahr für Impfungen gesperrt sind.

Es macht die vierte Welle erträglicher, dass sie vielleicht ohne Lockdown auskommt. Der Preis dafür ist die Angst, dass es schiefläuft. Wissenschaftliche Erkenntnisse und eine tatkräftige Politik können das Risiko verringern. Dennoch werden wir, so ungewohnt es in unserer durchtechnologisierten Welt auch ist, diese Ungewissheit an essenzieller Stelle aushalten müssen. (Michael Bayer)

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