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Leitartikel

Astrazeneca: Zulassung des Impfstoffs in der EU wirft drängende Fragen auf

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Die EU lässt den Impfstoff von Astrazeneca zu. Der medizinische Nutzen ist begrenzt, der politische Schaden aber groß. Der Leitartikel.

  • In der Europäischen Union kann nun ein dritter Corona-Impfstoff eingesetzt werden.
  • Aber Astrazeneca gibt ein Bild ab, das alle Negativklischees bedient und dazu angetan ist, jene zu bestärken, die der Pharmaindustrie grundsätzlich misstrauen
  • News zur Corona-Krise: Alle Informationen und Hintergründe finden Sie auf unserer Themenseite.

Mit dem Vakzin von Astrazeneca kann in der Europäischen Union nun ein dritter Impfstoff gegen Covid-19 eingesetzt werden. Das könnte Anlass zur Freude sein; eigentlich. Mehr Impfdosen bedeuten schließlich Schutz für mehr Menschen in kürzerer Zeit. Und doch hinterlässt diese Zulassung kein uneingeschränkt gutes Gefühl. Geradezu abstoßend wirkt das unwürdige Gezerre mit der EU. Die Politik mag unprofessionell agiert, zu wenig und falsch bestellt haben. Aber Astrazeneca gibt ein Bild ab, das alle Negativklischees bedient und dazu angetan ist, jene zu bestärken, die der Pharmaindustrie grundsätzlich misstrauen.

Dieser Eindruck reiht sich ein in eine Serie von – diplomatisch formuliert – suboptimal gehandhabten Geschehnissen, die bereits die klinischen Studienphasen des Impfstoffs begleitet haben. Angefangen bei der versehentlichen halben Dosis, die einigen Teilnehmer:innen gespritzt wurde über den unüblichen Weg der Ermittlung der Wirksamkeit bis hin zur Studiengruppe, in der Hochbetagte so gut wie gar nicht und schon Menschen im etwas fortgeschrittenen Lebensalter nur zu einem geringen Prozentsatz vertreten waren.

Eine 100-Jährige erhält in Großbritannien den Astrazeneca-Impfstoff.

Astrazeneca: Unter Nicht-Pandemie-Bedingungen hätte der Impfstoff ein „Problem bei der Zulassung“

In den Unterlagen der britischen Arzneibehörde heißt es, die Qualität des Vakzins sei „akzeptabel“. Tatsächlich lassen die vorliegenden Daten vermuten, dass es im Vergleich zu den mRNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna schlechter abschneidet. Seine mit 70 Prozent angegebene Wirksamkeit ist zwar gut, jedoch schlechter als die 90 Prozent der beiden anderen. Die Nebenwirkungen sind ähnlich, traten in den Studien aber etwas häufiger auf.

Es stimmt übrigens auch nicht, dass es sich, wie in Fernsehrunden bereits zu hören war, bei der Technologie dieses Vektorimpfstoffs um ein bewährtes Prinzip handelt – was sich vielleicht für Menschen, die der neuen mRNA-Technologie kritisch gegenüberstehen, als Vorteil darstellen könnte. Ein Vektorimpfstoff ist seit 2019 gegen Ebola zugelassen, in der Breite wurde er aber noch nicht eingesetzt.

Das betont in einem Artikel der „Pharmazeutischen Zeitung“ auch Theo Dingermann, einer der Chefredakteure und früherer Professor für Pharmazeutische Biologie an der Universität Frankfurt. Er weist zudem auf den Umstand hin, dass der Vektorimpfstoff anders als die mRNA-Vakzine die genetische Information für das Spike-Protein des Virus in Form von DNA enthält, aus der auch das humane Genom besteht. Wörtlich heißt es: „Wir haben es mit DNA zu tun, die in den Zellkern eindringt. Daher sollten wir wissen, ob sie ins Genom integriert wird.“

Auch im Arzneimittelverzeichnis „Gelbe Liste“ wird auf diese theoretische Möglichkeit bei Vektorimpfstoffen hingewiesen. Nicht nur deshalb, sondern insgesamt fällt Theo Dingermann ein vernichtend klingendes Urteil: „Die klinischen Studien zur Zulassung wurden schlampig gemacht.“ Unter Nicht-Pandemie-Bedingungen hätte der Impfstoff ein „Problem bei der Zulassung“.

Mit dem Vakzin von Astrazeneca kann in der Europäischen Union nun ein dritter Impfstoff gegen Covid-19 eingesetzt werden.

Astrazeneca: Impfreihenfolge wird wahrscheinlich geändert

Als Vorteil des Vakzins wird stets aufgeführt, dass es wesentlich preisgünstiger und ohne aufwendige Tiefkühlung zu lagern ist. Aber kann das all die offenen Fragen aufwiegen? Mit der Zulassung kommt außerdem ein bisher nicht vorhandenes Dilemma auf die Gesellschaft zu – abgesehen davon, dass nun voraussichtlich die Impfreihenfolge geändert wird: Es stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien außer dem Alter entschieden wird, wer einen nach heutigem Kenntnisstand 1 a- und wer einen 1 b-Impfstoff bekommt.

Und kann man selbst Einfluss darauf nehmen? Wenn es Produkte von unterschiedlicher Qualität gibt, wer möchte da schon jenes bekommen, von dem man annimmt, es sei das schlechtere – selbst wenn es sich nur in Nuancen unterscheidet. Man kann mit der Notsituation argumentieren und dass in dieser Lage ein nicht ganz so überzeugender Impfstoff besser ist als nichts. Gerade Junge, die dann vermutlich damit geimpft würden, könnten das Risiko-Nutzen-Verhältnis für sich aber anders beantworten. Zudem bekäme vor diesem Hintergrund auch die Diskussion über die Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen und Vorrechte oder eine frühere Rückkehr zu den normalen Freiheiten eine ganz andere Wucht.

Politik sollte nachträglich noch andere Corona-Impfstoffe ordern

Der Politik wäre gut angeraten zu prüfen, ob nachträglich noch andere Impfstoffe geordert werden können. Ein aussichtsreicher Kandidat könnte das Vakzin von Novavax sein, ein klassischer Totimpfstoff auf Basis eines Proteinfragments. Erste Zwischenergebnisse aus der letzten Studienphase sollen bei guter Verträglichkeit auf einen sehr hohen Schutz vor dem ursprünglichen Virus und der britischen Variante hindeuten und gegen die südafrikanische Mutante noch zu 60 Prozent wirksam sein. Über letzteres ist beim Astrazeneca-Vakzin nichts bekannt. (Pamela Dörhöfer))

Rubriklistenbild: © afp/KIRSTY O'CONNOR

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