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Israel und Gaza

Israel: Der Unterschied zwischen legitimer Kritik und Antisemitismus

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Das Besondere am Verhältnis zu Israel zu wahren, ohne beim Umgang mit seiner Politik allgemeine ethische Maßstäbe aufzugeben – das erfordert mehr als noch so berechtigte Empörung über offenen Antisemitismus.

Die Geschichte ist stärker als der Konjunktiv, und das gilt ganz besonders dann, wenn wir in Deutschland über Israel reden. So zu tun, als sei Israel ein Staat wie jeder andere, ist also geschichtslos und damit indiskutabel. Und deshalb vorweg: Wer die Regierung in Jerusalem mit oft guten Gründen kritisiert, dabei aber den historischen Zusammenhang ignoriert, leistet dem Antisemitismus Vorschub – gewollt oder ungewollt.

In diesen Tagen bleibt wenig Zeit, sich intensiv um diesen Grenzbereich zwischen legitimer oder notwendiger „Israelkritik“ einerseits und antisemitischen Ausfällen andererseits zu kümmern. Die berechtigte Empörung über den offenen Antisemitismus in „sozialen“ Netzwerken und bei Demonstrationen beherrscht die Debatte, und das muss sie auch. Wenn Jüdinnen und Juden in diesem Land noch stärker als sonst befürchten müssen, unter der Bedrohung durch verbale oder gar körperliche Gewalt zu Projektionsflächen von Hass und Wut zu werden, steht die Solidarität mit ihnen im Vordergrund.

Den expliziten Antisemitismus zu verurteilen, ist eine vergleichsweise leichte Übung.

Expliziten Antisemitismus zu verurteilen, ist eine vergleichsweise leichte Übung

Von den Spitzen der demokratischen Parteien über den Zentralrat der Juden bis zu muslimischen Verbänden reicht die Empörung über diesen ideologisierten Hass, egal, ob er sich aus extremistischen Positionen im Nahost-Konflikt speist oder aus den alten Klischees der extremen Rechten. Gut so! Und doch bleiben diese Reaktionen in einer Weise unvollständig, die wir uns auf Dauer nicht leisten sollten.

Den expliziten Antisemitismus zu verurteilen, ist eine vergleichsweise leichte Übung. Auch die Forderung, der Rechtsstaat müsse der Bedrohung der jüdischen Gemeinschaft mit mehr Entschiedenheit begegnen, ist zwar absolut richtig, aber vergleichsweise einfach erhoben. Es liegt ja auf der Hand: Den Unbelehrbaren und ihren schmutzigen Verschwörungsgeschichten über das „Weltjudentum“, stammten sie nun aus Palästina oder Paderborn, ist mit einer gepflegten Debatte offensichtlich nicht beizukommen.

Suche nach einem Miteinander ohne Hass und Gewalt darf nie aufgegeben werden

Aber die noch komplizierteren Aufgaben warten dort, wo den dumpfen und dogmatischen Mechanismen der Konfrontation die Alternative eines anderen und klügeren, im guten Sinne kritischen Diskurses entgegenzusetzen wäre. Die Dogmatischen und Ideologisierten mögen damit unerreichbar sein. Aber wer es bei verbaler Verurteilung und strafrechtlicher Verfolgung beließe, hätte die Hoffnung auf dauerhafte Besserung schon aufgegeben.

Sie wird nur zu erreichen sein, wenn dem von Generation zu Generation sich „vererbenden“ Hass durch die unermüdliche Suche nach Befriedung von Konflikten irgendwann der Boden entzogen wird. Sowohl innerhalb unserer zunehmend vielfältigen und internationalen Gesellschaft als auch im Verhältnis zwischen Israel und der palästinensischen Bevölkerung darf die Suche nach einem Miteinander ohne Hass und Gewalt nie aufgegeben werden – so mühselig sie auch ist.

Abgrenzung zwischen legitimer Kritik und Antisemitismus

Womit wir, geht es um den aktuellen Konflikt in Nahost, wieder bei der Abgrenzung zwischen legitimer Kritik und Antisemitismus wären. Es gibt dafür Kriterien, die zwar auf der Hand liegen, aber offenbar der Wiederholung bedürfen.

Erstens: Die Existenz Israels hat mit den historischen Verbrechen Deutschlands so viel zu tun, dass wir kein Recht besitzen, sie infrage zu stellen. Genauso wenig wie das Recht dieses Landes, sich gegen Terror zu verteidigen.

Erst wer das voraussetzt, kann die konkrete Form, in der Israels Regierung dieses Recht ausübt und leider allzu oft in eskalierender Weise dehnt, kritisieren. Und erst wer Israels Existenzrecht unmissverständlich anerkennt, kann überzeugend das Leid von Palästinenserinnen und Palästinensern beklagen, das Israel im Umgang mit den Bedrohungen durch islamistischen Terror und aggressive Nachbarn eben auch verursacht.

Demonstrationen auf dem Leipziger Augustusplatz.

Nur wer überall gleiche Maßstäbe anlegt, kann mit Kritik überzeugen

Zweitens: Auch wenn Jerusalem die Bevölkerung in den besetzten Gebieten auf höchst kritikwürdige Weise abwertet und entsprechend behandelt: Es sind nicht „die Juden“, die das tun, es ist die Regierung des Staates Israel. Warum sind auch Menschen, die den Vorwurf des Antisemitismus weit von sich weisen würden, oft unfähig oder unwillig, diese Grenze eindeutig und ausdrücklich zu ziehen?

Drittens: Zu den Grenzüberschreitungen zwischen Kritik an Israel gehört das sogenannte Anlegen doppelter Standards: Israel wird oft in einer Weise geschmäht, die in Bezug auf Raketen aus Gaza oder auch auf Terrorregime anderswo in der Welt unterbleibt. Nur wer überall gleiche Maßstäbe anlegt, kann mit Kritik überzeugen. Nur wer nicht so tut, als sei der Palästina-Konflikt eindeutig einer Seite anzulasten, wird dem Thema gerecht. Was übrigens nicht nur für Kritiker:innen Israels gilt, sondern auch für diejenigen, die Israel verteidigen zu können glauben, indem sie jede Handlung der israelischen Regierung verteidigen.

Antisemitismus: Die Regeln einzuhalten, erfordert höchste Aufmerksamkeit

Einfache Regeln, so scheint es. Aber sie einzuhalten, erfordert gerade in dem Land, das die Nazis hervorgebracht hat, höchste Aufmerksamkeit. Das Besondere am Verhältnis zu Israel zu wahren, ohne beim Umgang mit seiner Politik allgemeine ethische Maßstäbe aufzugeben – das erfordert mehr als noch so berechtigte Empörung über offenen Antisemitismus. Aber wer es versucht, wird spüren, wie gut der ungeteilte Anspruch an Humanität und das Bewusstsein für historische Zusammenhänge dem Nachdenken tun. (Stephan Hebel)

Rubriklistenbild: © Dirk Knofe/dpa

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