Die Streikenden warnen angesichts dieser Lage zu Recht
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Die Streikenden warnen zu Recht.

Leitartikel

Alle fürs Klima

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Die EU will 2050 klimaneutral sein, China 2060. Es muss aber noch viel mehr geschehen. Dafür ist öffentlicher Druck nötig – nicht nur von „Fridays for Future“.

Warum auf eine Zukunft bauen, die bald nicht mehr lebenswert sein wird?“ Das ist die Frage, die „Fridays for Future“-Aktivisten stellen. „Unsere Antwort ist der Klimastreik.“ An diesem Freitag wollen sie an den Erfolg aus der Vor-Corona-Zeit anschließen, als im September 2019 weltweit Millionen – vor allem junge – Menschen für einen Klimaschutz demonstrierten, der sich an den Erkenntnissen der Wissenschaft orientiert. Also dafür, dass eine globale Erwärmung auf maximal 1,5 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit begrenzt wird – das gilt laut Weltklimarat IPCC als Sicherheitslinie vor einer unbeherrschbaren Zuspitzung der Klimakrise.

Corona hat die „Fridays“ ausgebremst, die im vorigen Jahr die Debatte in vielen Ländern dominierten. Ein Streik im Frühjahr, aus der Not ins Netz verlegt, verpuffte. Dass der Druck von FFF weiter notwendig ist, können nur Ignoranten bestreiten. Zum heutigen Streiktag steht das Haus Erde im Feuer, und zwar nicht nur sinnbildlich. An der US-Westküste brennen die Wälder in einem Ausmaß wie noch nie, ebenso in Sibirien, hier sind 1,4 Millionen Hektar betroffen, noch mehr sind es in Südostasien und Zentralafrika, und am Amazonas geht die Waldvernichtung ohnehin ungebremst weiter. Doch das sind nur die akut sichtbaren Folgen der Krise. Extremereignisse beim Wetter, Hitzewellen, Trockenperioden, Überschwemmungen, häufen sich weltweit, Lebensgrundlagen, bisher vor allem im Süden, werden vernichtet, und das ist erst der Anfang.

Die Wut der aktiven jungen Leute darüber, dass „die Alten“ ihre Zukunft verheizen, ist durch Corona noch größer geworden, zumindest in Deutschland. Während die Politik in der Viruskrise sich an den Erkenntnissen der Virologen orientierte, einen radikalen Lockdown verfügte und Zigmilliarden Euro für Nothilfe und Wiederaufbau mobilisierte, läuft die Klimapolitik den Erfordernissen meilenweit hinterher.

Ausgerechnet Bundeswirtschaftsminister Altmaier (CDU) hat das jüngst beklagt, der Mann, der es am ehesten ändern könnte. Es sei seit 30 Jahren klar, dass man ökologischen Katastrophen entgegengehe, so der Minister. Immer wieder sei die Arbeit an klimapolitischen Themen gegenüber anderen in den Hintergrund getreten. Sagt der Mann, der bremst, wo er kann, beim Klimaschutzgesetz, dem CO2-Preis oder den Windräder-Abstandsregeln, und erst jüngst hat er ein neues EEG vorgelegt, das bei weitem nicht ausreicht. Das ist politische Schizophrenie.

Die Streikenden warnen angesichts dieser Lage zu Recht: Die Zeit für wirksamen Klimaschutz läuft weg. „Wir haben zehn Jahre, um unsere Ziele zu erreichen, und müssen jetzt beginnen“, sagen sie. Tatsächlich ist das Jahrzehnt bis 2030 dasjenige, in dem sich entscheidet, ob die nationale und globale CO2-Kurve schnell genug abgesenkt wird, um am Ende bei „nur“ 1,5 bis maximal zwei Grad Erwärmung zu landen, wie es das Paris-Abkommen vorsieht. Dabei gilt: Um die 1,5-Marke zu halten, so der IPCC, müssen die globalen Emissionen, die bis zum Corona-Lockdown fast kontinuierlich anstiegen, bis 2030 halbiert werden.

Erfolglos waren die FFF-Aktivisten nicht. Sie können sich durchaus zugutehalten, die internationale Klimapolitik in Bewegung gebracht zu haben – so dass die Aussichten in diesem Herbst plötzlich etwas aufgehellt sind.

Die EU-Kommission hätte ohne den immensen öffentlichen Druck keinen „Green Deal“ und kein Klimaschutzgesetz vorgeschlagen, die Europa bis 2050 klimaneutral machen sollen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen holte sogar Protestikone Greta Thunberg nach Brüssel zur Verkündung.

Ohne diesen Schritt und die damit verbundene Erhöhung des CO2-Ziels von minus 40 auf mindestens minus 55 bis 2030 wiederum hätte der globale Obereinheizer China nicht ebenfalls nachgelegt. Erstmals hat Peking nun Klimaneutralität als Ziel ausgegeben, wenn auch erst „vor 2060“, und der CO2-Anstieg soll schneller gestoppt werden als bisher geplant, „vor 2030“. Daraus könnte die neue globale Klimaschutzachse werden. Auf jeden Fall ist der Paris-Aussteiger, US-Präsident Donald Trump, nun zunehmend isoliert.

Die „Fridays“ haben recht, wenn sie sagen: Was die EU und China angekündigt haben, reicht längst nicht, um die 1,5 Grad zu halten. Doch immerhin ist die Lage fünf Jahre nach Paris nicht mehr festgefahren – und das eröffnet die Chance, die Ziele in den nächsten Jahren weiter anzuschärfen. Damit das geschieht, braucht es weiter öffentlichen Druck, so, wie FFF ihn 2019 erzeugte. Ob sich das wiederholen lässt, mit Mundschutz, Abstand, Demo-Hygiene, und dann immer wieder, ist die große Frage.

Diesmal mag die Streikidee noch funktionieren. Aber die „Fridays“ benötigen neue Ideen und Aktionsformen, um „Future“ zu haben. Es ist zu wünschen, dass sie die finden, damit die Bewegung sich nicht totläuft. Denn sie wird gebraucht, das ist nicht zu übersehen.

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