Annegret Kramp-Karrenbauer möchte ihrer Partei eine verbindliche Frauenquote verordnen.
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Annegret Kramp-Karrenbauer möchte ihrer Partei eine verbindliche Frauenquote verordnen.

Leitartikel

Frauenquote bei der CDU: Eigentlich gehört sie abgeschafft

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
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AKK will sie, die Frauenquote in der CDU. In der Partei verdammen nicht nur Männer das Instrument, auch Politikerinnen protestieren dagegen. Wissen sie eigentlich, was sie da tun?

Kennen Sie das Stockholm-Syndrom? Es ist ein interessantes Phänomen, das immer mal wieder bei Geiselnahmen auftritt: Das Opfer fühlt sich dem Täter zunehmend verbunden, solidarisiert sich mit ihm und entwickelt eine Art Wir-Gefühl. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Geisel ihre eigenen Bedürfnisse, ihr eigenes Werte- und Normensystem unterdrückt.

Frauenquote: CDU brauche keine „Frauendebatte“

Eine ähnliche Geiselmentalität ist bei einigen CDU-Frauen zu beobachten. Da will die Noch-Parteichefin Kramp-Karrenbauer eine verpflichtende Frauenquote für Parteiämter auf den Weg bringen; und eine Soll-Regelung für die Aufstellung der Listen bei Europa-, Bundestags- und Landtagswahlen. „Mehr Vielfalt für die CDU“ heißt der Beschluss der Struktur- und Satzungskommission, der vorsieht, die Quote stufenweise anzuheben und 2025 die 50-Prozent-Parität zu erreichen. Prompte Reaktion von weiblicher Seite: „Übermotiviert und unrealistisch“ seien die Pläne. Angesichts einer Kanzlerin und einer Parteivorsitzenden brauche die CDU keine „Frauendebatte“.

Frauenquote: Handlungsbedarf bei der CDU

Ach, wirklich? Wenn das Stigma „alte, weiße Männer“ auf eine Partei zutrifft, dann auf die CDU. Bei 400 000 CDU-Mitgliedern kommt eine Frau auf drei Männer, und die sind im Durchschnitt 60 Jahre und älter. Unter den 246 Abgeordneten der Union im Bundestag sind nur 52 weiblich. Und dass sich für den künftigen Parteivorsitz mit Friedrich Merz, Norbert Röttgen und Armin Laschet nur Kerle bewerben, macht es nicht besser. Kein Handlungsbedarf für eine Volkspartei, die seit Jahren die Zustimmung vor allem bei jüngeren, urban geprägten Frauen verliert?

Dennoch verdammen Teile der CDU, hauptsächlich vom konservativen Wirtschaftsflügel und aus der jungen Union, jede attraktivitätssteigernde Gegenmaßnahme, sobald das Label Quote auftaucht. Darunter nicht nur Männer, die um eigene Pfründe fürchten, sondern auch viele Frauen. Die Quote ist ihnen des Teufels!

Frauenquote der CDU ein Schritt gegen abwertende Strukturen

Wissen diese Frauen eigentlich, was sie da tun? Sie solidarisieren sich mit Strukturen, von denen sie dominiert und abgewertet werden. Sie identifizieren sich mit den herrschenden Machtverhältnissen, dabei müssten sie schon aus politischer Verantwortung für Gleichberechtigung streiten. Klassischerweise nennt man das Unterwerfung. Hier kaschiert durch das Argument, fähige Frauen brauchten keine Quote, sondern könnten durch Qualifikation brillieren.

Etwa so wie die Männer? Wie kommen die denn dorthin, wo sie sind? Durch Bündnisse, Netzwerke und spezifische Kommunikationskanäle. Sie protegieren sich gegenseitig und sorgen dafür, dass es in Wirtschaft und Politik noch immer frauenfreie Zonen gibt. Sicher sind sie auch zu etwas fähig – aber das sind Frauen ebenso. Was also sind diese Rituale anderes als Waffen, um die bestehende Männerquote zu erhalten?

Frauenquote in der CDU: In der CSU rebellierten die Frauen

„Die Quote liegt mir sehr am Herzen“, hatte Kramp-Karrenbauer zum Amtsantritt gesagt. Allerdings wird sie sich, wenn sie den Beschluss vom Parteitag im Dezember absegnen lassen will, mit Schrecken an einen ähnlichen Parteitag der CSU im vergangen Jahr erinnern. Dort gab es eine Rebellion gegen die Quote – ausgerechnet von Frauen. Mit dem Slogan, man wolle sich nicht dem „Narrativ vom bösen Mann anschließen“, machten junge CSUlerinnen Stimmung gegen die Pläne, wurden von erzkonservativer Männerseite bestärkt und schafften es, das Vorhaben im Grundsatz zu kippen.

Frauenquote laut Merz „Diskriminierung der Männer“

Zumindest von einem ihrer Nachfolge-Kandidaten wird die CDU-Chefin ganz sicher Gegenwind bekommen: Friedrich Merz. Er findet, dass eine Parität von Wahllisten eine „Diskriminierung der Männer“ sei. Interessante Analyse angesichts von jahrtausendealter Männerdominanz. Wie für die gesamte konservative Parteiriege ist die Quote für Merz wohl der letzte Nagel am Sarg des traditionellen CDU-Profils. Als wären Atomausstieg, Aussetzung der Wehrpflicht und Ehe für alle nicht schon schlimm genug.

Da sollte sich Kramp-Karrenbauer lieber an Norbert Röttgen halten. Der hat zwar die geringste Aussicht auf den Posten, sucht aber offenbar die Unterstützung der Frauen-Union, die schon lange eine Quote fordert. Der Beschluss reiche noch nicht, meint Röttgen, Frauenbelange müssten „zu einem dauerhaften Schwerpunkt“ der CDU werden.

Frauenquote: Eine zeitlich befristete Krücke für die Gesellschaft

Gibt es angesichts von so viel Einsicht einen Trost für die Quotengegner und -gegnerinnen? Und ob. Denn eigentlich gehört die Quote abgeschafft. Schließlich ist sie nichts anderes als eine zeitlich befristete, notwendige Krücke für unsere Gesellschaft, die auf einem Bein humpelt – dem männlichen. Ist das zweite, weibliche Bein endlich nachgewachsen, kann die Krücke problemlos in der Ecke landen. Dann braucht sie niemand mehr. 

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