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Bei aller Gier nach Aufmerksamkeit: Auch für Politiker wäre beim Thema Krebs Zurückhaltung angebracht.

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Jens Spahn und das Spiel mit der Hoffnung

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Wer eine Ahnung davon hat, wie mühsam jeder Erfolg im Kampf gegen Krebs errungen werden muss, der wird sich vor vollmundigen Ankündigungen hüten.

Die Chancen stünden gut, dass der Krebs in zehn bis 20 Jahren besiegt sein werde, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der vergangenen Woche in einem Zeitungsinterview. Eine Aussage mit Schlagzeilengarantie. Dass diese „Geißel der Menschheit“ in absehbarer Zeit ihren Schrecken verliert, dürften viele Menschen gern hören, zumal jene, die gerade selbst eine Krebsdiagnose erhalten haben. Doch das Schüren solcher Hoffnungen ist populistisch und falsch. Kein seriöser Mediziner würde es so formulieren wie der Minister, dem Experten denn auch widersprochen haben.

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Wahr ist, dass die Krebsmedizin große Fortschritte gemacht hat. Mit den neuen zielgerichteten Therapien und der Immuntherapie stehen mehr Behandlungsoptionen zur Verfügung als noch vor einigen Jahren. Heilbar haben sie metastasierten Krebs gleichwohl nicht gemacht. Aber Patienten leben heute im Durchschnitt länger (dass es nicht allen gut dabei geht, steht auf einem anderen Blatt).

Doch auch das ist eine Erkenntnis: Je mehr Wissenschaftler über bösartige Tumore und deren Eigenschaften herausfinden, desto mehr zeigt sich, wie komplex und heterogen die Krankheit ist. Es gibt nicht den Krebs, im Grunde sei jeder Krebs einzigartig und müsste individuell behandelt werden, sagen Experten. Das macht die Therapie komplizierter – und den einen großen Durchbruch unwahrscheinlicher.

Wer auch nur eine Ahnung davon hat, wie mühsam jeder kleine Erfolg errungen werden muss, wie viele Jahre des Forschens hinter einer Innovation stehen, wie zäh oft der Weg von der ersten Idee bis zur Anwendung in der Praxis ist, wie häufig es Rückschläge gibt und scheinbar vielversprechende Ansätze doch aufgegeben werden müssen – wer all das weiß, wird sich vor vollmundigen Ankündigungen hüten.

Bei aller Gier nach Aufmerksamkeit: Auch für Politiker wäre bei diesem so sensiblen wie komplexen Thema Zurückhaltung angebracht. Alles andere ist verantwortungslos.

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