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Geld spielt im Falle R. Kellys eben doch eine zentrale Rolle.

Kommentar zu R. Kelly

Geld frisst Moral

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Über den Skandal hinter dem Skandal R. Kelly. Unser Kommentar.

Robert Kelly gehört zu den erfolgreichsten Sängern und Komponisten der Musikbranche. Er hat nicht nur mit selbst gesungenen Schnulzen unfassbar viel Geld verdient, er hat auch für Superstars wie Michael Jackson, Mariah Carey, Justin Bieber und Lady Gaga komponiert. Mindestens genauso lange dürfte bekannt gewesen sein, dass sich der heute 52-Jährige sehr, sehr gerne mit sehr, sehr jungen Frauen umgibt. Dass R. Kelly im Laufe seiner Karriere mehrfach sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde, legt nahe, dass nicht alle Frauen toll fanden – oder vielleicht auch gar nicht wollten –, was da lief. Sei’s drum, R. Kelly konnte das alles über „außergerichtliche Geldzahlungen“ regeln, wie es so schön heißt. So geht das, wenn Geld keine Rolle spielt.

Andererseits spielt Geld im Falle R. Kellys eben doch eine zentrale Rolle. Denn im Showbiz ist noch ziemlich vieles, was glänzt, auch wirklich Gold. Und wäre es da nicht töricht von all jenen, die von Kellys Gabe, so unglaublich erfolgreiche Songs zu komponieren, so immens profitieren, ihr Goldeselchen zur Schlachtbank zu führen? Sagt man sich da nicht vielleicht: Hach, was der Rob da macht (zum Beispiel: Sex haben mit Minderjährigen und sich dabei filmen, wie ein Vorwurf lautete), ist zwar nicht so ganz in Ordnung, aber so lange keine der Frauen an die Öffentlichkeit geht (oder nach den bewährten Geldzahlungen eben schweigt), lassen wir die Kassen weiter klingeln? Früher hieß das: „Take the money and run.“ Die abgezockte Variante dieser unmoralischen Attitüde heißt: „Take as much money as possible and then run!“ Das ist ein Aspekt des Skandals.

Lesen Sie dazu auch unser Interview mit Gizem Adiyaman, die eine Petition gegen R. Kelly gestartet hat, und unseren Bericht R. Kelly im Sinkflug

Ein anderer Aspekt betrifft das Umfeld. Sollte sich eines Tages zeigen, dass sich die Frauen all diese Geschichten, die für den Dokumentarfilm „Surviving R. Kelly“ zusammengetragen wurden, nicht bloß ausgedacht haben, dann sollte nicht nur R. Kelly zur Verantwortung gezogen werden. Auch die Leute, die seine Vorlieben mindestens mal toleriert haben, gehören belangt. Und was ist mit Sony Music? Das Label hat sich zwar kurz nach der Erstausstrahlung der Dokumentation von dem Musiker getrennt, wie es in Medienberichten heißt, aber: seither herrscht Funkstille. Und das soll’s dann gewesen sein?

Sicher, so lange nichts bewiesen ist, weiß ein Angeklagter den Zweifel auf seiner Seite. Und alles bis hierhin Gesagte bleibt Spekulation. Aber: Der Fall Harvey Weinstein und die daran entbrannte MeToo-Debatte haben gezeigt, was passiert, wenn Frauen nicht mehr länger mitmachen wollen – auch auf die Gefahr hin, alles zu verlieren. Nun erheben Frauen ihre Stimme, wohlwissend, Kelly damit nicht hinter Gitter bringen zu können. Es geht also wieder mal um Gerechtigkeit. Und darum, klarzustellen, dass sie sich nicht mehr länger einschüchtern oder zum Schweigen bringen lassen. Mal wieder: ein Anfang.

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