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Am Marktplatz in Halle zündeten am Mittwochabend zahlreiche Menschen Kerzen für die Opfer des Anschlags an. 

Entfesselte antisemitische Wut 

Alles nur ein Spiel?

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In Halle wurden bei einem Anschlag zwei Menschen getötet. Der Täter verwendet Ranking-Systeme aus Videospielen. Doch nicht die Videospiele sind das Problem. Ein Kommentar.

Das Ziel von Stephan B. war den Dokumenten zufolge klar: So viele Juden wie möglich töten, oder wie der Täter selber schreibt: „Muslime, Christen, Kommunisten, Nigger und Verräter auch“. Das steht in kleinerer Schrift darunter. Der 27 Jahre alte Mann sieht sich in einem „Rassenkrieg“. 

Weitere Ziele: die Zuverlässigkeit von selbstgebauten Waffen zu beweisen. Die Moral von anderen unterdrückten Weißen zu stärken. Bonus: Nicht sterben. In den im Internet veröffentlichten Dokumenten finden sich zahlreiche dieser bizarren Ansichten. In vielerlei Hinsicht demontiert sich B. in seinem Manifest selbst – geistig zumindest scheint er recht unbewaffnet.

Stephan B. dokumentiert seine Tat in Halle per Video

Das dokumentiert auch das Video, das Stephan B. während seiner Tat in Halle aufnahm. 35 Minuten und 28 Sekunden lang fährt B. schwer bewaffnet durch Halle. An der Tür der Synagoge zündet er einen Sprengsatz. „Muss das denn sein, wenn ich hier langgehe? Mann ey!“ kommentiert eine vorbeigehende Frau. Im Anschluss schießt B. ihr mehrfach in den Rücken. Später erschießt er einen um sein Leben flehenden Mann in einem Dönerladen. "Fresse, Mann!" kommentiert B. seinen Schuss. Hätten seine Waffen nicht ständig Ladehemmungen gehabt, wären vermutlich noch mehr Menschen gestorben.  

In den im Internet veröffentlichen Dokumenten von Stephan B. fallen schnell die aus Videospielen entnommenen Strukturen, wie etwa sogenannte „Achievements“, auf. „Gamification“ nennt man dieses Phänomen. Bei den erwähnten „Achievements“ handelt es sich um Trophäen oder Abzeichen, die ein Spieler in einem Videospiel für das Erreichen eines Zieles oder das Durchführen einer Handlung erhält. Ein klassisches Belohnungssystem.

Errungenschaften des Täters aus Halle sind bizarr

Die Titel der „Achievements“ des Täters aus Halle klingen bizarr. Wie im Videospiel üblich vergab Stephan B. ihnen humoristische Titel und legte selbst fest, was die Anforderungen der jeweiligen Errungenschaften sein sollten: „Chosen to die – Kill a jew“; „The fire rises – Burn down a synagogue“; „Why not both - Kill a muslim and a jew“. Das sind nur einige Auszüge der absurden „Trophäen“-Liste des Attentäters. Menschliche Leben verkommen zu selbsternannten Trophäen. 

Das Reduzieren der Todesfälle auf Zahlen, sogenannte „Body Counts“, hat den dualen Effekt, die Opfer zu entmenschlichen (einen hohen Highscore zu erzielen) und sich mit einer globalen Gruppe, von Christchurch bis nach Halle zu identifizieren -  also überall dort, wo sich junge (meist weiße) Männer in einer Art und Weise von der Gesellschaft isoliert fühlen. Ihre Anschläge werden in einschlägigen Online-Foren miteinander verglichen und bewertet. 

Dabei besitzt rechter Terror nicht das Monopol auf derartige kompetitive „Ranking“-Systeme. Auch das Terrornetzwerk Al-Qaida nutzte ein aus der Gaming-Szene inspiriertes System, um Rekruten auf Dschihadisten-Foren zu begeistern. 

Videospiele sind nicht der Ursprung des Problems - auch nicht in Halle

Ein Videospiel als Grund für den Anschlag in Halle zu nennen, wäre vermessen. Das Problem sind nicht die Videospiele – das Problem sind kompetitive Muster, die als Rahmen für eine echte Gewalttat verwendet werden. Es gibt genug Menschen, die Videospiele spielen und einen gesunden Umgang mit den gezeigten Inhalten pflegen. 

Der Leitartikel zu Halle: Rechter Terror: Die deutsche Blindheit

Aber bereits gefährdete junge Männer, die Strukturen aus Videospielen auf die Realität anwenden, kombiniert mit hasserfüllten Kommentaren und angestachelt aus Online-Foren wie 4Chan oder das mittlerweile vom Bildschirm verschwundene 8chan, haben den Unterschied zwischen der Welt im Internet und einem tatsächlich begangenen Mord verloren. Es scheint fast so, als müsse die Tat ins Internet gestellt werden, damit sie ihre wahre Bedeutung für den Täter entfalte.

Neu entflammte Diskussion

Mit Sicherheit wird die Diskussion um den Zusammenhang von gewalttätigen Spielen und echten Gewalttaten wieder aufflammen. Jedoch sollte diese unter folgenden Fragen geführt werden: 

  • Würde die Indexierung oder Verbannung eines bestimmten Spiels tatsächlich etwas ändern? 
  • Würden junge, wütende Männer automatisch von ihren emotionalen und kognitiven Problemen losgelöst werden, wenn es ein bestimmtes Spiel nicht mehr gäbe? 
  • Gibt es nicht auch in anderen Bereichen, wie etwa Sport, kompetitive Strukturen?

Die Muster von Videospielen finden sich auch bei der Ausübung von Gewalttaten wieder. Aber eben dieses Verwenden der Videospiel-Muster ist eine Loslösung von den Regeln des Videospiels. Die Spiele als Ursache für Anschläge, bei denen Menschen ums Leben kommen, zu benennen, ist falsch. Je eher wir das begreifen, desto besser.

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