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Zum Verzicht verführen

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Von: Harry Nutt

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Für die Stimmungslage im Herbst und Winter wird viel davon abhängen, ob es gelingt, eine kulturelle Praxis des Verzichts zu etablieren.
Waschlappen statt Dusche: Für die Stimmungslage im Herbst und Winter wird viel davon abhängen, ob es gelingt, eine kulturelle Praxis des Verzichts zu etablieren. © IAndreas Poertner/Imago

Es ist eine Kunst, wie Manufactum seine Wolldecken anpreist. Die Politik könnte daraus lernen, wenn sie über den baldigen Winter spricht. Die Kolumne.

Bei der Suche, wie der Angst zu begegnen sei, an Winterabenden vorm Fernseher oder beim Lesen eines guten Buches zu frieren, habe ich mich dem Manufactum-Katalog anvertraut. Der liebevolle Ton, in dem dort das Angebot an Wolldecken ausgebreitet wird, hat bereits etwas Wärmendes. Also wurden mir Produkte des Herstellers Lochcarron nähergebracht, der schottischen Stoff aus britischer Wolle feilbietet.

Für die Decke, heißt es, werde ein Gemisch aus feiner Bluefaced-Leicester-Wolle und strapazierfähiger Masham verwendet, das zu einem schmiegsamen und für britische Wolle ungewöhnlich weichen Gewebe verarbeitet wird. „Die gedeckten Farben dieses hauseigenen Tartanentwurfs, der von Weitem betrachtet an ein Hahnentrittmuster erinnert, sind harmonisch aufeinander abgestimmt. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man, dass die Streifen gewissermaßen selbst schräggestreift sind und sich dadurch die Hahnentritt-ähnliche Musterung ergibt.“

Eigentlich verwende Lochcarron das weiche Schurwollgemisch sowie den Tartan ausschließlich für Schals. Für Manufactum-Kunden aber werde eine feine Decke in zweierlei Farben daraus gefertigt.

Ganz ohne umweltpolitische Unterweisung mag Manufactum seine Kundschaft nicht entlassen. Zwar gebe es auf dem Markt zahlreiche billige Decken, die natürlichen klimatisierenden Eigenschaften und die Haltbarkeit einer Naturfaser aber seien unnachahmlich. „Synthetisches Material kann da nicht mithalten.“

Harry Nutt ist Autor.
Harry Nutt ist Autor. © Markus Wächter / Waechter

Anstatt mich den Vorzügen und Eigenheiten vergleichbarer Produkte hinzugeben, habe ich mich gefragt, warum Manufactum nach all den erfolgreichen Jahren immer noch einen derart erzieherischen Ton anschlägt. Die Kundschaft, die hier vorbeischaut, setzt ausdrücklich auf Naturstoffe und ist ein robustes Verhältnis von Preis und Leistung gewöhnt. Nirgends scheint die Versuchung, nach billiger Fabrikware zu greifen, stärker verpönt als in dem Milieu, das danach trachtet, Konsumfreude mit gediegener Handwerkskunst zu verknüpfen. Die guten Dinge, Sie wissen schon.

Soziologische Erklärungsversuche kämen vermutlich an einer protestantischen Ethik nicht vorbei. Max Weber zufolge ist innerweltliche Askese ein konstitutiver Bestandteil des modernen kapitalistischen Geistes, der von Manufactum gerade auch in ästhetischer Hinsicht beschworen wird. Jedes einzelne Produkt scheint auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet. Die Schönheit der Waren, denen man noch anzumerken glaubt, dass sorgsam Hand an sie gelegt wurde, erstrahlt sogleich als demonstrativer Schutz gegen jeglichen Verdacht der Verschwendung.

Aber vielleicht wäre der hauchzarte Paternalismus, der vom Manufactum-Katalog mit unerbittlicher Direktheit auf Nützlichkeit verweist, ja doch ein Vorbild für gelingende Politikvermittlung.

Der staatsbürgerliche Unwille, von grünen Amtsträgern belehrt zu werden, hat sich zuletzt jedenfalls deutlich an der harschen Ablehnung von Robert Habecks Duschtipps und Winfried Kretschmanns Waschlappenrhetorik gezeigt. Jenseits des Verlaufs von Uniper-Verstaatlichung und Gasumlage wird für die Stimmungslagen des einsetzenden Herbstes viel davon abhängen, ob es gelingt, eine kulturelle Praxis des Verzichts zu etablieren, die so unaufdringlich daherkommt wie ein Warenangebot, das man nicht ablehnen kann.

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