Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Waldrapp ist ein gänsegroßer Vogel, der im 17. Jahrhundert in Mitteleuropa ausstarb, weil auf ihn Jagd gemacht wurde.
+
Der Waldrapp ist ein gänsegroßer Vogel, der im 17. Jahrhundert in Mitteleuropa ausstarb, weil auf ihn Jagd gemacht wurde.

Kolumne

Zielscheibe Zugvogel

  • Manfred Niekisch
    VonManfred Niekisch
    schließen

Millionen Tiere überleben die Reise in ihre Winterquartiere nicht. Sogar legale Abschüsse sind möglich. Die Kolumne.

Das Klima ist das dominierende Thema der 26. Vertragsstaatenkonferenz der Klimakonvention und war es auch beim Gipfel der G20-Staaten. Da tritt alles weltpolitisch nicht Bedeutsame in den Hintergrund. Es ist in diesen Zeiten nur eine Randnotiz, dass schon wieder ein Waldrapp geschossen wurde, Jungtier einer Vogelart, die in Mitteleuropa vor Jahrhunderten ausgerottet worden war und seit wenigen Jahrzehnten mit riesigem Aufwand für Wiederansiedlungsprojekte nachgezüchtet wird. Menschen mit Ultraleichtflugzeugen trainierten die Jungtiere, die Wanderrouten ihrer Vorfahren zu erlernen. Zugvögel, die wieder ziehen sollen. Das klappte auch gut, gäbe es da nicht italienische Jäger, die jetzt, zur Zugzeit, auf alle Vögel ballern, die fliegend dem Winter entkommen wollen.

Dabei ist es egal, ob Arten wie der Waldrapp voll geschützt sind oder nationales Jagdrecht eines der vielen Schlupflöcher eröffnet, welche die Europäische Vogelschutzrichtlinie aushebeln. Kreativ sind die der Schießlobby freundlich gesinnten Regionen mit Ausnahmegenehmigungen. Und dort, wo es Verbote gibt, müssen Vogelschützer allzu oft unwillige Behörden zum Jagen tragen.

Überhaupt wären der Schutz der Zugvögel und die Verfolgung der Wilderer ohne private Naturschutzinitiativen ziemlich erfolglos. In dieser Hinsicht ähneln sich die Verhältnisse in Italien, Malta und Zypern frappierend. Es gehören strategisches Denken und Disziplin dazu, sich bei der Aufdeckung illegaler Praktiken wie Fallenstellen und Blenden von Lockvögeln streng an die jeweils gültigen Gesetze zu halten, um nicht Unrecht mit Unrecht zu bekämpfen und den Erfolg der Aktionen zu gefährden.

Das gilt auch für einen der widerlichsten Bräuche, der selbst mit der Apostrophierung als „Tradition“ nicht gefälliger wird. Der Ortolan, bekannt auch als Gartenammer, wird auf seinem Herbstzug nach Süden lokal im südwestlichen Frankreich mit Fallen gefangen. Lebend. Die erbeuteten Tiere werden in engen Käfigen und im Dunklen oder mit ausgestochenen Augen gemästet. Danach werden diese eigentlich grazilen Wildvögel als Fettammern in Armagnac ertränkt. Gegart und entfedert verspeist der vermeintliche Gourmet sie im Ganzen. Das seit zwei Jahren bestehende Verbot hat zwar bewirkt, dass der Fang der Ortolane zurückging. Gleichzeitig aber haben sich die Preise für diese jetzt illegale Delikatesse, wie investigative Ornithologen berichten, vervielfacht.

Die Europäische Kommission erweist sich als weitestgehend machtlos darin, zu verhindern, dass alljährlich geschätzte 20 Millionen Vögel auf ihren Herbst- und Frühjahrszügen als Käfigvögel, kulinarische Spezialitäten oder einfach als Zielscheiben enden. Ganz abgesehen davon, dass es den Hunderten Millionen Euro Hohn spricht, welche die Europäische Union mit ihrem Life-Programm und die Naturschutzorganisationen jedes Jahr in den Schutz von Arten und Lebensräumen investieren.

Die Diskussion, inwieweit die Zugvogeljagd Schuld ist am Rückgang der Arten, ist müßig. Industrielle Landwirtschaft und andere Beeinträchtigungen der Lebensräume, der Rückgang der Insekten als Nahrungsbasis setzen auch einst häufigen Vogelarten wie Lerchen, Turteltauben, Schwalben ohnehin schon massiv zu. Sie brauchen Überlebenshilfen. Leimruten, Schrot und Fallen gehören sicher nicht dazu. Wie traurig, dass ein Totalverbot der Zugvogeljagd für alle Länder der Europäischen Union unerreichbar scheint.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare