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Zeremonien des Abgangs

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Von: Harry Nutt

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Als Helmut Schmidt sein Bundeskanzleramt 1982 nach einem konstruktiven Misstrauensvotum Helmut Kohl überlassen musste, beließ er es bei einem kalten hanseatischen Blick.
Als Helmut Schmidt sein Bundeskanzleramt 1982 nach einem konstruktiven Misstrauensvotum Helmut Kohl überlassen musste, beließ er es bei einem kalten hanseatischen Blick. © Imago

Wer zu lange bleibt, läuft Gefahr, für Stagnation oder gar Scheitern verantwortlich gemacht zu werden – das gilt für den Sport wie für die Politik. Die Kolumne.

Die Enttäuschung ist abgeflaut, aber nicht verflogen. Ich bekenne, ich hätte die deutsche Mannschaft gern noch ein wenig spielen sehen bei dieser unseligen Weltmeisterschaft in Katar. Ich kann die sportliche Wirklichkeit akzeptieren, hätte mir aber weiterhin gern vom Experten Christoph Kramer erklären lassen, warum die DFB-Elf nach Auswertung aller Daten – Torabschlüsse, Ballbesitz, Großchancen – eine der besten Mannschaften der Vorrunde war. Aber okay, aus, vorbei.

Stattdessen hielt die Sportbühne eine Reihe von Abgängen bereit, die, wären sie auf einem Wettmarkt angeboten worden, hohe Gewinnquoten eingebracht hätten. Vermutlich hat die ARD-Journalistin Esther Sedlaczek einen Anteil am schnellen Rückzug von Manager Oliver Bierhoff. Jedenfalls hat sie in einem kurzen Interview unmittelbar nach dem Ausscheiden dessen situatives Unvermögen sichtbar gemacht.

Mit Floskeln wie: „Wir müssen analysieren“ und „Alles kommt auf den Prüfstand, ich nehme mich da nicht aus“ hätte sich Bierhoff vielleicht im Amt halten können. Die mangelnde Einsicht, Beteiligter eines Geschehens zu sein, das weit über das Spielergebnis hinausreicht, hat ihn und sein smartes Lächeln schließlich zum Symbol des Niedergangs gemacht.

Situative Intelligenz gehört zu den Voraussetzungen professionellen Gelingens. Sie sollte als Anlage vorhanden sein, kann aber nicht verlässlich eingeübt werden. Das gilt für den Sport wie für die Politik. Bundeskanzler Schröder hat nach seiner Wahlniederlage 2005 die Chance versemmelt, Einsicht in seine politische Situation und so etwas wie Größe in der Anerkennung der demokratischen Spielregeln zu zeigen. Mit seiner Floskel über die Kirche, die man im Dorf lassen möge, hat er nicht nur Angela Merkel den Respekt verweigert, sondern auch dem Amt, das er sieben Jahre lang innehatte.

Ganz anders hatte sich zwei Jahrzehnte zuvor sein Parteigenosse Helmut Schmidt verhalten, der sein Amt 1982 nach einem konstruktiven Misstrauensvotum Helmut Kohl überlassen musste. Seine Enttäuschung über die politische Niederlage hat Schmidt nicht verbergen können, zur Gratulation seines Nachfolgers beließ er es in dem Moment, in dem ihm der unwiderrufliche Wechsel schmerzlich bewusst wurde, bei einem kalten hanseatischen Blick.

Während Aufhören und Weitermachen in der Politik zu den durch Wahlen hervorgerufenen Gesetzmäßigkeiten gehören, sind sie im zivilen Leben oft der Stoff für moderne Dramen und die Zelebration persönlicher Schicksale. Wer zu lange bleibt, läuft Gefahr, für Stagnation, Scheitern oder bloß Langeweile verantwortlich gemacht zu werden. Auf desaströse Weise muss dies gerade der portugiesische Fußballstar Cristiano Ronaldo erleben, der 15 Jahre lang nicht unbedingt gemocht, für sein Spiel aber bewundert wurde. Nun wird er als Störfaktor wahrgenommen, einer, der den richtigen Augenblick verpasst hat.

Wie man sich mit künstlerischen Mitteln aus der Affäre ziehen kann, hat unterdessen der Berliner Performer und TV-Unterhalter Kurt Krömer vorgemacht. Zum Prinzip seines Anti-Talks „Chez Krömer“ gehörte es über Jahre, seine Gäste mit Direkt- und Unverschämtheiten zu konfrontieren. In seiner letzten Sendung schien er sich selbst nicht mehr aushalten zu können – und ging.

Harry Nutt ist Autor.

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