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Open Air Festival in Hamburg 1970
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Pioniersein ist kein Zuckerschlecken – doch es sollte sich auszahlen.

Kolumne

Zeit für Drückeberger

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Dringend gesucht: Langhaarige und gammelige Menschen, die vollenden, was ihre geistigen Ahnen auf den Weg brachten. Die Kolumne.

Eigentlich hätten sie ja ein Verdienstkreuz verdient. Schließlich haben sie dafür gesorgt, dass heute vieles so ist, wie es ist. Dass etwa Discounter Biowaren führen, dass Benzin bleifrei ist und Schildkrötensuppe verboten, dass auch Frauen in die Bundeswehr dürfen und junge Leute auch ohne Gewissensprüfung dort nicht hinmüssen, dass Fische sich über Fangquoten freuen und Flusskrebse über saubere Bäche, dass es ein „Fair Trade“-Siegel gibt und die Ehe für Schwule und Lesben, dass Strom aus Wind- und Wasserkraft erzeugt wird, dass Frauen zur Schwangerschaftsunterbrechung nicht mehr nach Holland fahren müssen, dass Handtücher in Hotels erst gewaschen werden, wenn man sie auf den Boden wirft, und für das Gendersternchen sind sie womöglich ebenfalls verantwortlich.

„Sie“, das waren die langhaarigen, gammeligen und haschrauchenden Drückeberger der Siebzigerjahre, die nicht wenige am liebsten „ins Gas“ geschickt hätten oder wenigstens „rüber“, mindestens aber zum Friseur. Dafür, dass sie so nichtsnutzig waren, haben sie jedoch eine Menge bewegt.

Es war aber auch ein Haufen Arbeit. Selbstlos opferten sie sich auf. Sie kauten stundenlang auf geschmacklosen, steinharten Sojabrocken herum, tranken todesmutig gallenbitteren „Soli-Kaffee“ aus Nicaragua, schütteten hektoliterweise essigessenzsauren Wein irgendwelcher Landkommunen in sich hinein, hörten in Plenen selbst den nervigsten Sabbelbacken sanftmütig zu, jagten im Kampf Frau gegen Mann die Amis samt ihrer Raketen aus dem Land, saßen tagelang auf harten Straßen und leiteten so den Ausstieg aus der Atomenergie ein und benutzten wieder Stoffwindeln, die sie auf dem Holzfeuer sorgsam in großen Kesseln neben dem Chili sin Carne stundenlang auskochten.

Pioniersein ist also kein Zuckerschlecken – doch es sollte sich auszahlen. Sie schließlich bereiteten die Gesellschaft auf etwas vor, das dann am 13. Januar 1980 nichts weiter als eine logische Folge ihrer Bürden sein sollte. An diesem Tag nämlich gründeten sie eine Partei, die all das in die Parlamente tragen sollte, was ihnen wichtig war und zur Rettung der Welt unabdinglich erschien. Folgerichtig tauften sie sie „Die Grünen“. Wie die Hoffnung.

Das ist nun mehr als vierzig Jahre her. Anfangs von den Mächtigen als vorübergehende heilbare Erscheinung abgetan, ist diese Partei zu einer tragenden Säule unseres demokratischen Gebildes geworden.

Erstmals wurde sie gar stärkste Kraft eines Bundeslands, sogar eines strunzkonservativen. 32,6 Prozent der Dortigen haben sie gewählt. Doch wussten die, was sie tun? Anders gefragt: Wen haben die eigentlich gewählt? Eine Partei, die – fühlte sie sich ihren Grundwerten verpflichtet – nun Tempo 130 auf Autobahnen und Tempo 30 innerorts einführen und die Produktion von Autos mit Verbrennungsmotor verbieten müsste? Ebenso jene von dicken SUVs und schnellen Flitzern, etwa von Porsche und Mercedes? Außerdem Massentierhaltung, Flugbetrieb von 18 bis 8 Uhr und den Bau von Einfamilienhäusern? Wollen die 32,6 Prozent das?

Nicht nötig. Schließlich bekannte der grüne Chefideologe, „in Sachen Umweltplanung bei der CDU offene Türen eingerannt“ zu haben. Es wird offensichtlich mal wieder Zeit für langhaarige, haschrauchende Drückeberger.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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