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Es ist mittlerweile zur Normalität geworden: Abstand halten im Supermarkt, mi Bus, in der Bahn, bei im Prinzip jedem treffen.

Kolumne

Zeit des Aufbruchs

  • vonRichard Meng
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Das Leben, wie wir es kannten? Nein. Das Leben, wie wir es wollen – darum geht es.

Man gewöhnt sich dran – oder etwa nicht, zumal mit der zweiten Welle? Jetzt wird Abstand gehalten gegenüber Leuten, mit denen man sich trifft. Es wird die Mund-Nase-Verhüllung ertragen. Homeoffice wurde normal, was einige gerne als Regel hätten. Es wurde und wird recht leichtfertig schon von dauerhaften Änderungen in allen Lebensbereichen geredet. Von Neuem, das sowieso gekommen wäre, nur wegen Corona eben beschleunigt.

Das Leben, wie wir es kannten? Angela Merkels Formulierung wirkt altmodisch. Der große Widerspruch dabei: Es ist ja alles andere als eine dynamische Zeit, von den explodierenden Corona-Zahlen und dem schrittweisen Ende der virologischen Kontrollillusion mal abgesehen. Die Lebenskunst scheint eher im Abwarten zu liegen. Erst mal sehen, was noch kommt.

Soziale Distanzierung wird zum Lebensprinzip. Möglichst selbst nicht abstürzen, notfalls die Staatsfinanzen strapazieren. Irgendwie bei Laune bleiben, so schwer es auch fällt. In manchen Weltgegenden werden nebenbei autoritäre Verhältnisse kräftig verfestigt, die nächste Schuldenkrise ist auch nicht weit. Es ist jedenfalls keine Zeit für riskante Ideen oder gar Visionen, eher eine der allgemeinen Lähmung.

Mag sein, dass Älteren dabei gar nicht viel fehlt. Wenn alles sowieso einen klaren Rahmen hat, wenn die Lust auf Neues abnimmt, verfängt das Motto Sicherheit. Aber wie wirkt das bei den Jungen, die sich aufmachen auf einen ungewissen Lebensweg und plötzlich umkreist sind von den Regeln der Abstandsgesellschaft? Denen das Rumreisen gerade ausgetrieben wird und Unbeschwertheiten aller Art sowieso, begleitet nun wieder von ständigen Verbotsdebatten?

Dass Solidarität mit Disziplin übersetzt werden kann: Diese Schleifspur wird bleiben, gerade bei den Jungen. In ihrer Art zu leben und zu arbeiten. Vielleicht auch in der Art, wie Meinungsbildung abläuft, im Kleinen wie im Großen. Aber wenn sich daran schon nicht viel ändern lässt, ist es doch nötig, nachdenklich zu bleiben gegenüber dem, was über uns kommt. Und Geducktheit und Angepasstheit, wie sie allgemeine Verhaltensregeln immer hervorbringen, nicht zur neuen Normalität zu erklären.

Über den nächsten Winter kommen: Das ist, die ganz Alten mögen aufhorchen, wieder mal das allseits wichtigste Ziel geworden. Es ist nicht gerade ein weiter Horizont. Also: Bitte das Bewusstsein dafür nicht verlieren, dass es ein Danach geben wird. Eines womöglich mit neuer Leichtigkeit und neuen Chancen. Mit der Freiheit, sich anders zu verhalten als die anderen.

Selbst in der formierten Welt einer Pandemie gibt es spannende Lebenszeichen – durch Leute, die etwas Neues versuchen. Falls das nicht nur Sommergefühle waren, die jetzt wieder der Ansteckungsangst weichen: Dann ist auch Denkfaulheit schnell wieder mit Händen zu greifen. Beispiel Bildung: Gibt es da nur noch die Frage, wie schnell und konsequent digitales Lernen eingeführt werden kann? Und warum das so langsam geht?

Von pädagogischen Fragen ist wenig die Rede, von Inhalten und der Einseitigkeit der digitalen Welt kaum. Von ganzheitlichem Lernen gar nicht mehr, das Begegnung und Beziehung, Emotionen und Gefühle braucht. Schöne neue Corona-Welt.

All den getriebenen Technikern der Krise sei gesagt: Was aktuell als Fortschritt gilt, mag so ein Virus mit beeinflussen. Es gibt da schlechte und gute Gewöhnungseffekte. Die einen sind Rückschritt, die anderen helfen für die Zukunft. Aber was wünschenswert ist nach dem nächsten Winter, das darf nicht das Virus bestimmen. Das Leben, wie wir es kannten? Nein. Das Leben, wie wir es wollen – darum muss es wieder gehen.

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