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Zeit der Arbeitsfragen

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Von: Richard Meng

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Arbeit. Feierabend. Work-Life-Balance. Bei jungen Menschen liegen weniger Arbeiten und weniger Selbstausbeutung voll im Trend.
Arbeit. Feierabend. Work-Life-Balance. Bei jungen Menschen liegen weniger Arbeiten und weniger Selbstausbeutung voll im Trend. © Julian Stratenschulte/dpa

In welcher Gesellschaft wollen wir wie leben und wie arbeiten? Es verändert sich was. Die Kolumne.

Manchmal taucht ein Thema überall gleichzeitig auf – doch selbst dann ist es nicht immer einfach, es im Zusammenhang zu sehen. So wie jetzt, da es um unser Verhältnis zur Arbeit geht. Weil alle direkt betroffen sind. Weil manche da dann schnell sauer oder verletzt reagieren. Im Parlament warf die Opposition der Regierung gerade vor, sie würde mit dem neuen Bürgergeld das Arbeiten unattraktiv machen. Unterstellend, dass Menschen nur arbeiten, weil es sich in Euro so richtig lohnt oder ordentlich Druck auf sie gemacht wird. Aus der CSU kommt gerade die Idee, das tägliche Arbeiten auf über 10 Stunden auszuweiten.

Aus der Wirtschaft schwillt die Klage über den Fachkräftemangel an, gerne verknüpft mit der über einen Mangel bei Leistungsniveau und -bereitschaft junger Leute. In der SPD hat die Jugendorganisation Aufsehen erregt mit einem Vorstoß für die Reduzierung der Arbeitszeit auf 20 bis 25 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Im Berufsalltag ist immer häufiger von Work-Life-Balance die Rede, zumal unter Jüngeren.

Was mit was zu tun hat? Es darf gestritten werden. Es gibt da Generationenunterschiede und ein nicht immer gedeihliches Aufeinandertreffen von kulturellen und ökonomischen Prioritäten. Arbeiten wozu, warum, wieviel? Nicht jeder und jede hat die freie Wahl, sich solche Fragen zu stellen oder eben nicht. Damit beginnt schon das Problem – und nichts daran ist im Grundsatz neu. Selbst die utopisch-bequeme Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht.

In der Geschichte der Arbeiterbewegung sind Themen wie Arbeitszeit und Qualifikation Dauerbrenner gewesen. In der Theorie des Kapitalismus haben sich kluge Köpfe schon vor 150 Jahren Gedanken über Arbeitsaufstieg aus Armut und Entfremdung in der Arbeit gemacht, über das Spannungsverhältnis (!) von Freiheit und Notwendigkeit, über die Wechselwirkung von Unterdrücktsein und Emanzipation.

Aber das sind eher abstrakte Fragen gewesen im Vergleich zur heutigen Debatte, die über den Homeofficeanteil zum Beispiel. Die nach der Erreichbarkeit nach Feierabend oder im Urlaub. Die zum zentralen Thema Beruf/Familie, bei dem sich einiges positiv ändert. Die ewige Alternative Lohn oder Freizeit ist eine Frage der Prioritäten, soweit denn mehrere möglich sind, was wiederum nicht für alle gilt.

Vieles wird in der umworbenen jungen Arbeitsgeneration sehr viel individueller beantwortet als früher. Während andere, meistens eher Ältere, mit ihren Irritationen umgehen müssen, wenn sie an das eigene Arbeitsleben denken und das Gefühl bekommen, dass sich gegenüber ihrem eigenen Engagement inklusive Selbstausbeutungsbereitschaft so einiges verschoben hat. Wie auch immer man das dann findet.

Aber, mal diesen alten Blick zugrunde legend: Wir gewöhnen uns auch in einem Ausmaß ans Nicht-Funktionieren, das früher undenkbar war. Unpünktliche Züge, chronische Unterbesetzung beim Personal plus hoher Krankenstand, unzuverlässige Lieferketten, Handwerkermangel, auch: Nicht-mehr-Ansprechbarkeit für die Kundschaft, abgesehen von der Internetkommunikation. Das alles hat eher nichts mit verallgemeinerbaren Arbeitsethikfragen zu tun, jedenfalls nicht auf die Einzelnen bezogen. Und doch geht es immer auch darum, welche Arbeit wofür eigentlich noch gewünscht, geplant, angeboten wird. Aus beiden Richtungen gedacht, individuell wie systemisch.

So ist das oft mit den ganz großen Themen. Sie tauchen nie ganz groß auf, eher angedockt ans Kleine. Sie fallen über ein gewisses Grundrauschen hinaus nicht mal sonderlich auf, es sei denn sie werden bewusst politisch instrumentalisiert. In welcher Gesellschaft wollen wir wie leben und wie arbeiten? Es verändert sich was. Und es ist an der Zeit, im Zusammenhang darüber zu reden.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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