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Xavier Naidoo: Angeblich reflektiert

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Von: Katja Thorwarth

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Xavier Naidoo will sich auf der Suche nach Wahrheit verirrt haben.
Xavier Naidoo will sich auf der Suche nach Wahrheit verirrt haben. © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Sänger und Aktivist Xavier Naidoo will auf den rechten Wahrheitsweg zurück. Dabei sollte nicht vergessen werden: Er war nie ein Mitläufer. Die Kolumne.

Es ist kein Geringerer als Verschwörungsbarde Xavier Naidoo, der auf Instagram in die Kamera flötet: „Servus, ihr Lieben, ich melde mich heute bei euch, weil ich zu etwas Stellung beziehen möchte.“ Die „brutale russische Invasion in die Ukraine“ hätte ihn „bestürzt und aufgerüttelt“, Gewalt, Menschenverachtung „schockiert und tief erschüttert“.

Schließlich sei er, nun 50-jährig, zu der wegweisenden Erkenntnis gelangt, „wie wichtig es ist, sich selbst zu reflektieren“. Erkannt will er haben, auf welchen Irrwegen er sich „teilweise“ befunden habe. Mit belegter Stimme gesteht Naidoo „viele Fehler“ ein; für seine „verstörenden und irritierenden“ Äußerungen wolle er sich jetzt entschuldigen. Wow, da will einer doch nicht etwa zu … äh … Kreuze kriechen – und das auch noch kurz nach Ostern?

Als Messias („Herr, du bist mein Fels“, Naidoo) inszenierte sich der Mannheimer bereits in der Vergangenheit, diese Tradition scheint Naidoo in seinem kleinen Offenbarungsclip fortzusetzen, wenn er seine eigentliche Kernbotschaft formuliert. „Ein zentraler Punkt meines Charakters ist die Suche nach Wahrheit“, sagt er voller Bedacht und legt die Betonung eindeutig auf das „ist“. Er ist, da will er dem Publikum alle Zweifel nehmen, der Wahrheitssucher – und ein solcher kann kein schlechter Kerl sein.

Die Wahrheit als sein höchstes Gut, Motor allen Strebens, da drücken wir doch sofort die Augen zu. Und ja, wer sich wie Xavier Naidoo auf den „Weg“ mache, der treffe, pardauz! viele Menschen mit den „unterschiedlichsten Ansichten und Interessen“.

Nachdem er die Bedeutung der Selbstreflexion erkannt haben will, sage er sich „ohne Wenn und Aber“ los, insbesondere von den Verschwörungserzählungen, die er „nicht genug hinterfragt“ habe. „Bei der Wahrheitssuche war ich wie in einer Blase und habe mich teils zum Bezug zur Realität entfernt“. Doch ab jetzt ist alles anders: „Peace – one Love, euer Xavier“.

Puh, wo anfangen? Zunächst einmal stellt sich Naidoo „teils“ als einer dar – „habe mich Theorien und Gruppierungen geöffnet“ -, der sich verirrt und nachgeplappert habe. Dem ist nicht so, vielmehr gilt Naidoo als einer der einflussreichsten Influencer in der Szene, den nicht störte, wenn ihm ganz rechts außen hinterher galoppiert. „Eure Parlamente erinnern mich stark an Puppentheaterkästen / Ihr wandelt an den Fäden wie Marionetten / Bis sie euch mit scharfer Schere von der Nabelschnur Babylons trennen!“, trällerte er 2017 etwa in „Marionetten“.

2020 griff er in einem Video tief in die Rassismus-Kiste, als er, mackermäßig 1a, „weit und breit ist hier kein Mann, der dieses Land noch retten kann“ bejammerte und von angeblichen „Wölfen“ quakte, die „eure Töchter, eure Kinder“ bedrohen. Dafür wurde er übrigens von jenen Rechtsextremen gefeiert, von denen er sich jetzt distanziert. Dass Deutschland „ein besetztes Land“ sei, wusste Naidoo bereits 2011 – nachdem er sich übrigens 1999 selbst als Rassist bezeichnet hatte: „Und bevor ich irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue, agiere ich lieber für Mannheim.“

Naidoo flog schließlich aus der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“, für den ESC sollte er auch nicht antreten, schließlich trennte sich die Combo „Die Söhne Mannheims“ von ihm. All das hat ihn nicht dazu verleitet, in die Sphären der Selbstreflexion einzutauchen und die komplizierten Verästelungen seiner Wahrheitssuche zu entwirren und neu zu sortieren.

„Einer der größten und einflussreichsten Verschwörungsideologen der vergangenen Jahre gibt zu, sich verrannt zu haben. Fraglich, ob man massig Antisemitismus, Homophobie und Verschwörungsmythen in einem dreiminütigen Instagram-Video wieder glattbügeln kann“, schreibt der Journalist Julius Geiler auf Twitter. Auch fraglich, ob seine „Toleranz“ nur deshalb als seine „Wahrheit“ taugt, weil Menschenfeindlichkeit aktuell nicht lukrativ genug erscheint.

Katja Thorwarth ist Autorin und Onlineredakteurin.

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