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Heißer Herbst und Wutwinter: Schwere Zeiten für Optimismus

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Von: Anetta Kahane

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In Prag protestieren 70.000 Menschen, von rechts wie von links,  gemeinsam gegen Russlandboykott und gegen Migrantinnen und Migranten.
In Prag protestieren 70.000 Menschen, von rechts wie von links, gemeinsam gegen Russlandboykott und gegen Migrantinnen und Migranten. © Michal Kamaryt/Imago

Häme statt Fakten, Wut statt Vernunft: Ein „Volkszorn“ zieht auf, bei dem sich die Abgrenzungen auflösen. Die Kolumne.

Frankfurt – Es ist das erste Mal seit vielen Jahren, dass mein Optimismus schweigt. Ich konnte mich immer auf ihn verlassen, er ist mein Motor, meine Inspiration.

Ihm geht es nicht um so dumme Sprüche wie: „Wird schon wieder“ oder „Alles hat auch eine gute Seite, man muss sie nur sehen“. Mein Optimismus setzt auf Fakten und die Überzeugung, dass Menschen sich am Ende doch an ihnen orientieren.

Im Augenblick scheint es, als ob der Begriff „Fakten“ zu einem Schimpfwort geworden ist. Wer mit Fakten kommt, erntet Gelächter oder Wut. Wie über einer Wiese in gleißender Sonne flirrt die Luft über Deutschland. Zu viel Wut, Häme, zu viel Faktenfeindlichkeit. Und auch der Hauch von Wahnsinn. Meinen Optimismus erschreckt das.

Am Ende bleibt „Volkszorn“

Auf der einen Seite trommelt die rechte Szene zum heißen Herbst und Wutwinter. Mit dabei alle Verschwörungsideologen von AfD, Querdenkern, Nazis bis Eso-Anthroposophen. Allein diese Mischung ist schon gefährlich.

Kommen jetzt noch die Gewerkschaften und Linke hinzu, kann es schnell gruselig werden. Die Erfahrung zeigt, dass sich ursprünglich proklamierte Abgrenzungen auflösen und am Ende nur so etwas wie „Volkszorn“ bleibt.

Wir sehen gerade, wie es in Prag geschieht. 70.000 Menschen, von rechts wie von links, die gemeinsam gegen Russlandboykott und gegen Migrantinnen und Migranten protestieren. Im Moment kann ich mir solche unverblümte Kooperation in Deutschland nicht vorstellen, doch da rückt schon einiges zusammen. Was werden sie fordern, angesichts des Ukraine-Kriegs und der Klimakrise? Deutschland zuerst?

Russland würde niemals sanft reden oder Kompromisse machen

Fakten helfen nicht mehr. Seit mit Donald Trump ein unverhohlener Lügner Präsident der USA war und mit alternativen Fakten über die sozialen Medien dazu beigetragen hat, hier ein toxisches Klima zu schaffen, sind alle Schleusen geöffnet. Kaum eine Diskussion kommt mehr ohne das Leugnen von Fakten, gepaart mit bösartigen Beleidigungen aus.

Auch die gütig vermittelnden Menschen, die Frieden wollen und sanft sagen, man müsse nur miteinander reden und sich damit an die Ukrainerinnen und Ukrainer wenden, damit die in ihrem Konflikt doch bitte einlenken und Zugeständnisse machen mögen, werden schnell aggressiv, wenn die Antwort nein lautet. Die Menschen in der Ukraine wollen sich nicht erobern lassen, damit Deutschland wieder Gas bekommt. Denn Russland würde niemals sanft reden oder Kompromisse machen.

Fakten sind schwer zu ertragen, sie bringen Konflikte, doch sie bilden die Realität ab. Mein Optimismus richtet sich nicht danach, ob die Fakten passen oder nicht, sondern wie wir damit umgehen, was wir daraus schlussfolgern und welche Verantwortung wir als Personen und als Gesellschaft übernehmen.

Die Autorin

Anetta Kahane war Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Dieses aggressive faktenlose Flirren zu allen möglichen Themen von Winnetou bis Energie, von Klima bis Einwanderung, von Ukraine bis Israel aber lässt meinen Optimismus ratlos verstummen. Ganz gleich, was die Bundesregierung tut oder beschließt, ob die Maßnahmen gut oder schlecht sind, diese Aggression werden die Proteste in jedem Fall beeinflussen. Und Umsturz ist das Ziel. Fakten zählen nicht in diesen aufgeheizten Zeiten.

Aber vielleicht fällt der Wutwinter aus und die Proteste beschränken sich auf das, was faktisch richtig und geboten ist, ohne Solidarität zu verleugnen. Was für ein Wunsch!

Da lächelt doch mein Optimismus scheu um die Ecke. (Anetta Kahane)

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