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Diskussionen sind oftmals von Wut geleitet. Doch das ist nicht immer von Vorteil, wie auch diese Hauswand in Dresden zeigt.
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Diskussionen sind oftmals von Wut geleitet. Doch das ist nicht immer von Vorteil, wie auch diese Hauswand in Dresden zeigt.

Kolumne

Wutdebatten

  • Klaus Staeck
    VonKlaus Staeck
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Warum wird so oft so aggressiv und mit einem Anspruch der Absolutheit diskutiert? Die Kolumne.

Woher kommt eigentlich die gewaltige Wut, die in öffentlichen Debatten, Leserbriefen, Blogeinträgen derzeit wie ein allgegenwärtiger Spuk erscheint? Da wird ein anerkannter Historiker und Kolumnist zum „Gendernazi“ ernannt, weil er es für problematisch hält, dass Grüne und FDP in einem Gesetzentwurf zur Transsexualität Jugendlichen von 14 Jahren die Verantwortung für schwerwiegende gesundheitliche Eingriffe übertragen wollen.

Weil Götz Aly es verantwortungslos findet, jungen Menschen in den „Wirren der Pubertät“, wie er schreibt, geschlechtsverändernde und hormonelle Eingriffe an sich vornehmen zu lassen, wird er Opfer einer zum Teil initiierten Kampagne, die ihn zum „Reichsbürger-kompatiblen Ideologen“ stempelt. Ausgerechnet dieser Autor, der Wesentliches zur Holocaustforschung und zu den nationalsozialistischen Verbrechen der „Rassenhygiene“ veröffentlicht hat, wird infam beleidigt, er propagiere eben diese.

Ähnliche Erfahrungen mit dem Furor aufgepeitschter Empörung machte dieser Tage Wolfgang Thierse. Dem ehemaligen langjährigen Bundestagspräsidenten sollte man eine gewisse Autorität zugestehen, wenn er sich darum sorgt, unsere Demokratie könnte ernsthaft Schaden nehmen, wenn Themen kultureller Zugehörigkeit, ethnischer und sexueller Identität die Gesellschaft mehr und mehr erregen und zu spalten drohen.

„Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und Gender werden heftiger und aggressiver“, konstatiert Thierse. Und er sieht Demokratieverachtung nicht allein beim Rechtspopulismus, sondern auch in einem eifernden, selbstherrlichen Alleinvertretungsanspruch von Predigerinnen und Predigern einer imaginierten politischen Korrektheit.

Ich würde diesen Vertreterinnen und Vertretern nicht unbedingt das Prädikat „links“ zuordnen. Die Grenzen sind oft schwer auszumachen, weil, wie auch Thierse bemerkt, zunehmend unterschiedliche Identitäten an die Stelle von Konfessionen oder Ideologien treten, denen man sich früher zugehörig fühlte.

Seine Forderung nach einer neuen Solidarität, die er im „FAZ“-Beitrag und später noch einmal in einem Interview für den Deutschlandfunk stellte, wird von den oft maßlos erscheinenden Kritikerinnen und Kritikern offenbar bewusst überhört. Thierse schrieb vom „unabdingbaren Respekt vor Vielfalt und Anderssein“, der aber eingebettet sein müsse in die Anerkennung von Regeln und Verbindlichkeiten und in die Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen.

Es hat sich in dieser Gesellschaft etwas grundlegend verändert, wenn die Basis der Demokratie zwar noch für die Mehrheit aber nicht mehr für eine meinungsstarke, die „sozialen Netzwerke“ als Lautsprecher nutzende Gegenöffentlichkeit gültig zu sein scheint.

Deren Absolutheitsanspruch steht einer pluralistischen Gesellschaft entgegen, weil man sich mit der anderen Meinung nicht mehr auseinandersetzen muss. Auch wenn die Verwaltung des Deutschen Bundestages künftig den Gender-Stern, den Doppelpunkt und „weitere geschlechtergerechte Formen“ in Anträgen und Begründungen von Gesetzesentwürfen nicht mehr korrigieren will, wage ich zu bezweifeln, dass damit Lesbarkeit und Verständlichkeit vieler Texte verbessert wird.

Würde ich hier aber die Meinung vertreten, die gnadenlose Genderisierung der Sprache führe zu einer absurden Sexualisierung, während die geschlechtsunabhängige, generische Sprachform dagegen alle Menschen integriere, dann könnte ich mit Gewissheit einem Ereignis entgegensehen, dass neudeutsch nur noch mit „Shitstorm“ zu beschreiben ist. In diesem Sinne, liebe Leserinnen, liebe Leser.

Klaus Staeck ist Autor und Grafiker.

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