Wurstwaren in einer Auslage.
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Es geht um die Wurst - hier nicht als Aufschnitt.

Kolumne

Der Wurstaufschnitt - eine ehrliche Haut

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Der Aufschnitt droht auszusterben. Dabei sind die Wurstscheiben manchmal mit segensreichen Nebenwirkungen verbunden.

Eigentlich ist er doch das meistverkannte Kulturgut Deutschlands. Er war jahrzehntelang in aller Munde, er sorgte tagtäglich für Freude, Missvergnügen und Zank und Hader, er war Diskussionsgrundlage in tausenden Familien und Metzgereien – und wurde dennoch kaum wahrgenommen. So vermag es auch nicht zu wundern, dass sein langsames Verschwinden nur wenige bemerken.

Der Aufschnitt - die Urmutter des Carpaccios

Die Rede ist vom Aufschnitt, der deutschen Urmutter des Carpaccios. Diese Schnittwurstmischung war über mehrere Generationen Bewertungsmaßstab einer Metzgerei oder auch einer einzelnen Fleischereifachverkäuferin. Und als es noch keine Käsetheken gab, war der Aufschnitt der Anlass für Pedanten, die Kunden hinter ihnen in der Schlange zur Weißglut zu bringen.

„Ein Scheibchen von der, und dann, oder nein, lieber doch nicht, kann ich die mal probieren, nicht mit Pistazien, von der bitte zwei, was ist denn das für eine, ist die scharf, nee, nicht so dick schneiden, die isst der Jörg so gerne, die ist aber nicht mehr frisch“ – und dann war da noch das ständig wiederkehrende Thema, ob eine Scheibe Zungenblutwurst dabei sein soll oder („iiih, nein“) auf gar keinen Fall.

Der Kunde bestimmt die Mischung

Eins hingegen war klar: Es gehört sich nicht für eine Metzgerei, bereits im Vorhinein zusammengestellte Ware bereitzuhalten. Wird dies getan, stirbt der Reiz des Aufschnitts. Die Mischung bestimmt der Kunde im Augenblick der Kaufabwicklung, je nach Gusto, Zeit, Gesinnung, Temperament oder bösem Willen, beleibte Verkäuferinnen von Brühwurst zu Brühwurst zu hetzen oder andere Kunden zu quälen. Darin besonders Versierte haben gewiss schon als Kinder beim Kauf einer gemischten Tüte geübt.

Die gottgewollte Vollkommenheit des Aufschnitts wird heutzutage nur noch in deutschen Metzgereien auf Gran Canaria oder in Thailand zelebriert. Hierzulande verkümmert er mehr und mehr. Ich selbst fand Aufschnitt schon immer klasse – bis auf eine Kleinigkeit, die mich seit Jahrzehnten ungeheuer aufregt. Warum müssen, verdammt nochmal, an den Wurstscheiben immer kleine Fetzen der Kunststoffpelle hängen? Kann man die nicht vor dem Schneiden entfernen?

Vom AfD-Geschwafel zur Wurstpelle

Doch. Versierte Fleischereifachverkäuferinnen können das, und sie machen das auch. Andere hingegen behaupten, die Wurst lasse sich sonst nicht schneiden. Ich halte das für eine Schutzbehauptung. Andererseits: Ohne ein solches Fädchen Wursthaut hätte ich mir nie so viele Gedanken über Aufschnitt gemacht. Ich sah es nämlich eines Abends auf dem Boden meines Wohnzimmers liegen und regte mich fürchterlich auf. So sehr, dass ich das eben im Fernsehen verfolgte saudumme Geschwätz eines AfD-Mannes vergaß, wonach konservative Politik automatisch mehr Männer interessiere und deswegen eine Frauenquote für die AfD nicht in Frage käme.

Das ärgerte mich umso mehr, weil ich mir vorgenommen hatte, mich über AfD-Geschwafel nicht mehr zu echauffieren. Da kam mir die Wurstpelle gerade recht. Ein kleiner, gelber Blitzableiter. Was für die Indianer Nordamerikas ein „Dream Catcher“, ist für mich offensichtlich eine Wursthaut. Ich ließ sie liegen. Und am nächsten Tag saugte ich sorgsam um sie herum. Mittlerweile ist sie bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschrumpelt. Ich muss mir dringend neuen Aufschnitt kaufen. Mit Haut.

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