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Wolkenguck-Time

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Wer sich ständig mit Tablet, Smartphone oder Computer beschäftigt, wird sorgenvoll beäugt.Warum eigentlich?

„Das Wort Screentime befand sich nicht in meinem aktiven Wortschatz, so wenig wie Printmedien-Time oder Wolkenanguck-Time.“

Du bist schon viel an deinen Geräten, oder?“, fragte mich im Sommer ein eher untechnisch interessierter Freund. Er wollte es nicht etwa wissen, weil ich während unseres Gesprächs ständig auf mein Handy geguckt hätte, denn ich benehme mich gesittet und schaue nur aufs Handy, während die andere Person das auch tut. Es muss eine Vermutung aufgrund meiner Gesprächsthemen oder Berufstätigkeiten gewesen sein. Ich hielt seine Frage für eine Variante von „Du liest schon viel, oder?“ und beantwortete sie unbesorgt. Ob ich mir deshalb Sorgen mache, wollte der Freund wissen, und ob ich meine Screentime messe. Er fragte es so, als sei es das Normalste der Welt. Offenbar schien es ihm selbstverständlich, dass ein Gespräch über Gerätegebrauch immer auch eines über Screentimebesorgnis ist.

Bis zu diesem Tag war ich nicht auf die Idee gekommen, dass man als erwachsener Mensch die eigene Screentime messen könnte, schon gar nicht mit dem Ziel, sie zu reduzieren. Das Wort Screentime befand sich nicht in meinem aktiven Wortschatz, so wenig wie Printmedien-Time oder Wolkenanguck-Time. Das Konzept erinnerte mich an die Zeit, in der meine Mutter die Anzahl der Bücher beschränkte, die ich gleichzeitig aus der Stadtbücherei ausleihen durfte. Wenn ich heute davon erzähle, lachen die, die es hören.

Ich war zu überrascht, um das Thema zu vertiefen. Später berichtete ich im Redaktionschat des Techniktagebuch-Blogs von dem Vorfall und erfuhr, dass manche Handys inzwischen mit Einstellungen für „Digitales Wohlbefinden und Kindersicherung“ ausgeliefert werden. Wenn man einstellt, dass man das Telefon nicht öfter als 50 Mal pro Tag entsperren möchte, und an diesem Vorsatz scheitert, meldet das System „Sie haben Ihr Ziel nicht erreicht. Sie haben Ihr Telefon heute 51-mal entsperrt.“ Selbst wenn ich annähme, dass sich mein digitales Wohlbefinden auf diese Art steigern ließe, würde mir das wenig nützen. Ich entsperre mein Telefon einmal am Tag, morgens nach dem Aufwachen. In den nächsten 14 Stunden brauche ich es ja.

Eigentlich ist es seltsam, dass wir dieses Gespräch im Sommer 2020 führten. Screentime-Besorgnis hat gerade nicht so viel Konjunktur wie in den Vorjahren. Coronabedingt ist von unentbehrlichen Geräten die Rede, die den Zugang zu Arbeit, Wissen und Sozialleben ohne Ansteckungsrisiken ermöglichen. Die Jugend wird nicht mehr für ihr maßloses Glotzen in die Geräte getadelt, seit man sie stattdessen für ihr maßloses Rausgehen und Feiern tadeln kann.

Es ist unübersehbar geworden, wie unbrauchbar „Screentime“ immer schon als Begriff war. Ein Mensch, der in ein Gerät guckt, kann dort Bücher lesen, Kontakt zu Freundinnen, Freunden und Verwandten halten, die nicht am selben Ort leben, Geld verdienen, Filme gucken, Spiele spielen, in diesen Spielen Freundschaften mit Menschen pflegen. Nur weil alle diese Funktionen ins selbe Gerät gewandert sind, lassen sie sich überhaupt mit einem pauschalen Begriff kritisieren. In Wirklichkeit geht es um viele verschiedene Tätigkeiten, und das macht es sinnlos, die Beschäftigung mit dem Gerät in Minuten oder Entsperrvorgängen zu messen. Nicht einmal die Apps sind sich einig: Manche E-Book-Apps messen die in ihnen verbrachte Zeit und loben gerade das, was Screentime-Apps kritisieren: „Sie haben Ihre Lesezeit diese Woche erreicht“.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Es gab auch vor dem Frühjahr 2020 gute Gründe dafür, viel auf ein Display zu gucken. Für manche Menschen funktionieren Beruf, Freundschaft, Kommunikation, Unterhaltung oder politische Beteiligung durch Geräte vermittelt besser – sei es, weil sie aus technischen oder gesundheitlichen Gründen in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, in einer entlegenen Gegend leben oder an einem zentralen Ort wohnen, aber fern von Familie und Freundeskreis. Das alles war auch vor Corona für viele so, die das seit den 1970er Jahren zu erklären versucht haben. Neu ist nur, dass jetzt endlich fast alle verstehen, was gemeint ist. Es gibt nicht mehr so viele Menschen, die die klare Trennung „hier Freundschaft, Arbeit, Lernen, da irgendwelche störenden Blinkedinge“ praktizieren.

Ich finde, man sollte am eigenen Handy auch eigene Ermahnungen einstellen können: „Sie haben Ihr Telefon heute nur 10-mal entsperrt. Sie gehen wohl nicht mit offenen Augen durch die Welt? Lesen Sie auch mal einen Wikipediaeintrag, wenn Sie unbekannten Dingen begegnen!“ oder: „Sie haben Ihr Telefon heute kein einziges Mal entsperrt. Wohl wieder den ganzen Tag offline herumgelungert? Geben Sie’s zu – selbst Quizduell wäre produktiver gewesen als das, was Sie in der Zeit gemacht haben, in der Sie nicht aufs Telefon geguckt haben.“

Rubriklistenbild: © Carolin Eitel

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