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Eine palästinensische Frau geht zwischen Angehörigen der israelischen Sicherheitskräfte, während sie vor dem Damaskustor in Jerusalem Wache stehen.
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Eine palästinensische Frau geht zwischen Angehörigen der israelischen Sicherheitskräfte, während sie vor dem Damaskustor in Jerusalem Wache stehen.

Kolumne

Wohin die Woher-Frage führt

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Ich wünsche mir, dass weder von Hautfarben, noch ethnischer oder nationale Zugehörigkeit abhängt, was wem zugetraut wird.

Ein Spaziergang durch die Jerusalemer Altstadt ist freitagabends immer ein besonderes Erlebnis, gerade auf dieser Route, die von der Klagemauer zum Damaskustor führt und dazu die Via Dolorosa kreuzt. Also einmal quer durchs religiöse Panoptikum. Aber zunächst gilt es, die israelische Sicherheitsschleuse passieren, um auf den Platz vor der Klagemauer, dem jüdischen Heiligtum, zu gelangen.

Während ich den Beutel frisch gepflückter Zitronen, den mir eine palästinensische Familie vorhin geschenkt hat, aufs Förderband neben dem Metalldetektor lege, begrüße ich die beiden Wachleute gedankenverloren mit dem arabischen „Marhaba“ – das falsche Codewort an dieser Stelle.

„Schabbat Schalom“ schicke ich zur Korrektur schnell hinterher. „Mi efo at“ –„wo kommst Du her“, hakt einer der Wachmänner argwöhnisch nach. „Mi Germania“, schalte ich schnell auf Hebräisch um, woraufhin er mich mit einem Seitenblick zu seinem Kollegen, der besagt, nur eine Ausländerin, ergo unverdächtig, samt Zitronen ziehen lässt.

Mi efo at (hebräisch), min wen inti (arabisch), from where are you: nirgends bin ich der Frage nach dem Woher so oft begegnet wie in Jerusalem. Oft an Kontrollstellen, vielfach aber auch bei Zufallsbegegnungen.

Klar, ich bin nicht von hier, das sieht man gleich. „Ich tippe auf Deutschland“, sagt der palästinensische Taxifahrer, um sich unverblümt gleich noch nach Familienstand, Kinderzahl (die Antwort keine, quittiert er mit mitleidigem Seufzer) und politischen Ansichten zu erkundigen.

Die Direktheit hat was für sich, man kommt ins Gespräch. Typisch ist sie auch für die israelische Einwanderungsgesellschaft, in der man sich gerne und ausgiebig über die eigenen Herkunftsgeschichten austauscht.

Anderswo, sagen wir in Frankfurt oder Berlin, ist die Woher-Frage inzwischen bei vielen verpönt. Ich verstehe, warum sie als ausgrenzend empfunden wird, vor allem, wenn weiße Deutsche sie penetrant an Menschen richten, die weder blond noch hellhäutig sind. Als ob „People of Color“ in deutschen Landen nicht wirklich heimisch sein könnten. Egal, ob sie hier geboren, zugewandert oder her geflüchtet sind.

Die Kategorie „mit Migrationshintergrund“, in die laut Behördenstatistik ein gutes Viertel der hiesigen Bevölkerung fällt, macht die Sache nicht besser. Ein Label, das in euphemistischer Tarnung die Leute oft genug als Fremde, jedenfalls als nicht ganz zugehörig abstempelt.

Dies mit der knalligen Provokation zu kontern, genauso könnte das Etikett „Deutsche mit Nazihintergrund“ auf große Teile der Mehrheitsgesellschaft passen, ist so abwegig da nicht. Auch wenn wir Weltmeister in Vergangenheitsbewältigung von den braunen Flecken in der eigenen Verwandtschaft meist wenig Genaues wissen.

Die Rigidität der aktuellen Identitätsdebatten ist mir trotzdem suspekt. Wieso zum Beispiel darf eine Weiße nicht den Text einer Schwarzen ins Holländische übersetzen, konkret: das grandiose Gedicht von Amanda Goren anlässlich der Joe Biden-Inauguration ins Holländische?

Ist das nicht auch „racial profiling“, ins Positive gewendet, um „People of Color“ den Vortritt bei der Jobvergabe zu lassen? Nein, ich halte das eher für einen Ausgleich an erfahrenen Benachteiligungen. Aber ich wünsche mir, dass weder von Hautfarben, noch ethnischer oder nationaler Zugehörigkeit abhängt, was wem zugetraut wird. Das wäre dann das Paradies.

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