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Jahrelange Ausbeutung: Wo sind sie geblieben?

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Von: Michael Herl

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Wer hat schon Lust, für jämmerlich wenig Geld im Schichtdienst zentnerschwere Koffer zu schleppen?
Wer hat schon Lust, für jämmerlich wenig Geld im Schichtdienst zentnerschwere Koffer zu schleppen? © Marijan Murat/dpa

Hätte man vor Corona Beschäftigte an Flughäfen oder in der Gastronomie respektvoll behandelt und menschenwürdig bezahlt, würden sie jetzt nicht fehlen. Die Kolumne.

Frankfurt – Eigentlich wäre es ja schön, wenn es so gewesen wäre. Millionen von Menschen wurden jahrzehntelang miserabel bezahlt, zu Schwarzarbeit und Überstunden gezwungen und nach Lust und Laune beschäftigt oder gefeuert – also systematisch ausgebeutet. Dann, als hätte der allmächtige Karl Marx auf seiner Wolke im Proletarierhimmel einen Knopf gedrückt, legten sie alle die Arbeit nieder, zeigten ihren Gebietern den Vogel und den Stinkefinger und verschwanden auf Nimmerwiedersehen im Irgendwo.

Denen, die die Arbeit gaben, kam das gerade recht, denn es war großes Unheil übers Land gekommen, und die Dienste der Abtrünnigen wurden nicht mehr gebraucht. Dann aber war das Unheil vorbei, es gab wieder Arbeit – doch niemand war mehr da, sie zu verrichten.

So war es nicht. Oder fast nicht. Erfunden an der Geschicht’ ist, dass die Beschäftigten aus freien Stücken das Weite suchten. Sie wurden zu Beginn der Corona-Pandemie dazu gezwungen. Denn die meisten waren Soloselbstständige oder geringfügig Beschäftigte, und beide hatten – warum auch immer – keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld, von den Behörden drollig „KUG“ genannt.

Millionen von Menschen „verschwinden“ während Pandemie

Also sahen ihre Betriebe keine Veranlassung, ihnen auch weiterhin ein Einkommen zukommen zu lassen – obwohl nicht wenige von ihnen vom Staat mit einem fürstlichen Salär zur Sicherung der Arbeitsplätze bedacht worden waren.

Wahr an der Geschicht’ ist, dass diese Leute nun weg sind und offensichtlich auch wegbleiben – was bei Arbeitgebenden ein bitterlich Wehklagen hervorrief.

Die große Frage aber stellt sich: Wo sind sie alle hin? Können Millionen von Menschen innerhalb von zwei Jahren einfach so verschwinden? Nein. Also was machen sie nun? Sie alle, die an Flughäfen arbeiteten, in Restaurants, Kneipen, Hotels, Kinos und bei Veranstaltungen?

Viele seien in andere Berufe abgewandert. Aber gab es denn so viele freie Stellen? Nie im Leben. Auch sagt man, viele seien zurück in ihre Herkunftsländer. Aber fließen dort nun plötzlich Milch und Honig? Das nicht.

Respektvoller Umgang und angemessene Bezahlung sind nötig

Aber in Griechenland zum Beispiel zogen während der dortigen Wirtschaftskrise viele Großstädter wieder in ihre Herkunftssorte und versorgten sich dort lieber selbst, als in Athen oder Saloniki Hunger zu leiden.

Ziemlich sicher ist, dass wir alle während der Pandemie Zeit zum Nachdenken hatten. Was tue ich hier eigentlich? Was ist mir wichtig? Wo will ich hin? Was soll das Ganze? Und nicht wenige fassten in dieser Phase den Entschluss, etwas zu ändern.

Das könnte zum Beispiel bedeuten, nicht mehr für jämmerlich wenig Geld im Schichtdienst zentnerschwere Koffer zu schleppen und sich das Kreuz kaputt zu machen. Oder ständig mosernden Gästen Essen zu bringen, und das noch mit einem freundlichen Lächeln. Oder dem Kollaps nah in einer 80 Grad heißen Küche Töpfe und Pfannen zu spülen, während der Chef in seinem Haus auf Ibiza weilt. Kurzum: Nicht mehr länger der Arsch für alle zu sein und dafür mit einem Hungerlohn abgespeist zu werden.

Wer daran was ändern möchte, soll nicht länger lamentieren, sondern sein Personal respektvoll behandeln und menschenwürdig bezahlen. Hätte man das schon vor der Pandemie gemacht, wäre es nicht so weit gekommen, wie es jetzt ist. Doch ein Zurück gibt es so schnell erst mal nicht.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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