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Trans Frauen unter Verdacht: Aus der gewagten These wird eine Verschwörungstheorie

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Von: Joane Studnik

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Nikkie de Jager hat sich 2020 offiziell als transsexuell geoutet. Sehen sich cis Frauen von trans Frauen bedroht?
Nikkie de Jager hat sich 2020 offiziell als transsexuell geoutet. Sehen sich cis Frauen von trans Frauen bedroht? © imago

Sehen sich cis Frauen von trans Frauen bedroht? Diese erstaunliche These macht gerade Furore im Netz. Die Kolumne.

Seit einiger Zeit geistert eine erstaunliche These durch Medien und soziale Netzwerke. Gehen von LGBTQI, konkreter: von trans Personen Gefahren für Frauen aus? Diese Frage bejaht Susan Vahabzadeh im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, die Indizien für ein „Verschwinden der Frauen“ auszumachen glaubt. Einen Schritt weiter gehen einige radikale Feministinnen, die trans Frauen gleich unter Femizid-Tatverdacht stellen. Dieser Spur jagt Rona Duwe nach, fabuliert, trans Frauen seien keine Frauen, sondern Männer. Auf Twitter prangert die Bloggerin angebliche Bestrebungen an, „Frauen (…) zum Schweigen zu bringen“ und „keine geschlechterspezifischen Gewaltstatistiken“ mehr zuzulassen.

Wo kommt die Angst vor einem Selbstbestimmungsgesetz für trans Personen her?

Spiegelverkehrt argumentiert die Aktivistin Kristina Wolff mit Ausschnitten just der geschlechterspezifischen Gewaltstatistik des Bundeskriminalamtes, dass Ängste vor einem Selbstbestimmungsgesetz für trans Personen gerechtfertigt seien.
Frauen führen die Opferstatistik sexualisierter, vor allem häuslicher Gewalt an, die Tatverdächtigen sind ganz überwiegend Männer. Nur: Wo in den Zahlen verstecken sich die vermeintlich gefährlichen trans Personen?

Das frage ich Alexandra Vogel, die ich in der Zentralstelle Individualgefährdung des Berliner Landeskriminalamtes erreiche. Ihren echten Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, denn auch Kolleginnen ihrer Dienststelle sind zur Zielscheibe gewaltbereiter Täter geworden. Ihr „Hauptgeschäft“ seien Partnerschaftsdelikte, erklärt sie. Wenn eine Körperverletzung strafrechtlich bearbeitet ist, die „Gefährdungslage aber weiter offen“ bleibt, dann beginnt ihre Arbeit, die in der Polizeistatistik an keiner Stelle auftaucht.

Gewalt geht nicht von trans Peronen aus

Aus ihrem langjährigen Berufsalltag heraus weiß sie, von wem die Gefährdung meist ausgeht: „Menschen, die in patriarchalischen Strukturen verhaftet sind, in unserer Stadt, in unserem Land geboren, aber die der Meinung sind, die Frau gehört dem Manne und hat zu tun, was er möchte – und ohne Widerrede“. Auch die Frage der Ehre spiele eine Rolle, doch selbst in einer scheinbar unauffälligen Ehe können Streitigkeiten um das Eigentum, um die Kinder böse eskalieren.

Um weiteren Übergriffen gemeinsam die Grundlage zu entziehen, hat sich Alexandra Vogel eng vernetzt mit externen Kooperationspartnern: „andere Behörden, Jugendämter, Schulen, NGOs, Frauenhäuser, Frauen-Beratungsstellen, Männer-Beratungsstellen“.

Abstruse Verschwörungsfabeln um trans Personen

Vogel versichert sich noch einmal bei mehreren Dienststellen, darunter der für Femizide zuständigen Mordkommission und derjenigen für Hasskriminalität, bevor sie mir versichert: „Es ist nicht bekannt, dass eine trans Frau oder ein trans Mann aus Gründen der Frauenfeindlichkeit andere schädigen oder (ihnen, d. Red.) Gewalt antun.“

Das Merkmal trans werde statistisch nicht erfasst, wohl aber das Geschlecht einer Person: „männlich, weiblich, divers, unbestimmt“ – einer dieser Kategorien rechne sich auch jede trans Person zu, erklärt sie. An seine Grenzen stoße das System an anderer Stelle: „Es ist schwierig, ein Motiv so klar in einem Wort zu fassen und in einen Katalogbegriff zu pressen, damit man es nachher recherchierbar hat.“

Was im Ermittlungsprotokoll steht, findet sich nicht unbedingt in der Statistik wieder. Stoff für abstruse Verschwörungsfabeln, wie sie auf Twitter zusammengesponnen werden, hat die Polizei aber nicht zu bieten. (Joane Studnik)

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